Praxis
Schreibe einen Kommentar

Die perfekte Mutter!

shutterstock_187606757

Gelegentlich lacht das Kinderarztherz, weil mitten in der Sprechstunde der Schimmer einer perfekten Mutter aufleuchtet. (Gender-korrekte Anmerkung: Es war im folgenden Fall eine Mutter. Es hätte auch ein Vater sein können.)

Was hat das Kinderarztherz erfreuen lassen? Eine junge Mutter (19) erzählt im beiläufigen Smalltalk während einer Routineuntersuchung, dass ihr erstes Kind, ihr 5 Wochen alter Säugling, schon eine Nacht komplett durchgeschlafen hat. Als ob das das Selbstverständlichste wäre (was es natürlich nicht ist). Als Begründung lieferte sie: „Sie war einfach fertig. Wir waren gestern den ganzen Tag unterwegs.“ Nimmt das ruhige und entspannte Kind sicher hoch und zieht es mit der Selbstverständlichkeit einer erfahrenen Mutter an.

Eigentlich nichts Besonderes. Und dennoch etwas Besonderes! Keine Spur von Bedenken, ob es vielleicht unnormal sein könnte, dass der Säugling 10 Stunden durchschläft. Keine Spur von Bedenken, ob es vielleicht schädlich sein könnte, das Neugeborene einen ganzen Tag auf Unternehmungen mitzunehmen. Die jugendliche Unbekümmertheit der Mutter war noch nicht überfrachtet von Tausenden von Empfehlungen, die auf Eltern hereinprasseln. Sie hat einfach auf ihr Bauchgefühl gehört. Alles gut mit meinem Kind! Das gibt ihr selbst Sicherheit und das überträgt Sicherheit auf das Kind. Perfekt!

Nein. Das Wort „perfekt“ nehme ich zurück. Das ist irreführend, weil ja nie alles perfekt ist. Aber: Eine gute Mutter oder ein guter Vater wird man eben nicht, indem man alle „Regeln“ des Elternseins beachtet, sich Wissen anliest, sich von anderen sagen lässt, wie man sich dem Kind gegenüber zu verhalten hat, oder indem man jede erzieherische Handlung zaudernd abwägt. Für eine stabile Persönlichkeitsentwicklung braucht ein Kind Sicherheit, und das können nur sichere Eltern geben. Erfahrungsgemäß sind das die Eltern, die gelernt haben, auf ihr natürliches Bauchgefühl zu hören, nicht von Sorgen und Risiken geleitet zu sein und natürlich mit dem Kind umzugehen. Alles gut mit meinem Kind. Perfekt!

So gesehen, ist es sogar manchmal kontraproduktiv, was wir Kinderärzte tun, wenn wir zu intensiv warnen oder durch die Beratung bezüglich gesundheitlicher Risiken Bedenken streuen. Das Dilemma des Kinderarztes.

Kategorie: Praxis

von

Dr. med. Gerald Hofner

Dr. Gerald Hofner war wissenschaftlicher Mitarbeiter und Oberarzt der Universitätskinderklinik Erlangen-Nürnberg, bevor er seit 2003 in der von ihm gegründeten Praxis für Kinder und Jugendliche in Neudrossenfeld und Bayreuth tätig wurde. Sein Fokus liegt auf der Schwerpunktversorgung für Kinderkardiologie, Kinderpneumologie und Jugendsportmedizin, sowie auf der Prävention. Ihm ist dabei wichtig, die Erkenntnisse der Wissenschaft verständlich zu den Patienten und ihren Familien zu bringen. Als Vater von zwei Töchtern weiß er um die Probleme von Familie.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *