Entwicklung, Kindererziehung
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Schule ohne Noten ist die Zukunft – 2. Teil

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Letzte Woche habe ich hier auf die ungünstigen Folgen des Leistungsdrucks durch die Noten im Schulsystem hingewiesen. Was können Sie als Eltern nun dagegen tun? Was kann die Schule tun? Was die Gesellschaft?

Für Sie als Eltern:

Es gibt praktisch keine Eltern, die ihren Kindern bewusst Schuldruck machen. Aber unbewusst und unterschwellig passiert das dennoch. Und zwar in fast allen Familien.

Solange die Reaktion der Eltern dieselbe ist, wie die der Schule, unterstützen sie das System und erhöhen bei den empfänglichen Kindern den Druck. Wenn Sie also etwa schlechte Noten bestrafen oder rügen. Aber auch, wenn Sie gute Noten bezahlen.

Mit schlechten Noten sind Kinder eh schon bestraft genug. Und gute Noten sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass Noten nicht alles sind. Schon gleich gar nicht, bis aus Ihrem Kind eine reife Persönlichkeit geworden ist, die sich über ihre Stärken und Schwächen bewusst ist. Systematische Belohnung verstärkt das Leistungsdenken, das Grundlage etwa für späteres Burnout sein kann.

Natürlich sollen Sie auch keine schlechten Noten belohnen. Aber abschwächen. Sätze wie „dafür malst du wunderschön“ oder „Einstein hatte auch 5er“ können Noten relativieren. Auch gute Noten sollten nicht überbewertet werden. Freuen Sie sich mit dem Kind, aber machen Sie gute Noten nicht zum Zentrum des Selbstbewusstseins.

Was sollten die Schule  und die Pädagogen tun?

Dasselbe. Die Bedeutung von Noten abschwächen.

Viele Lehrer tun das glücklicherweise sowieso. Das hat auch die Diskussion zu meinem ersten Artikel gezeigt. Auch Lehrern ist die Benotung in der Regel ein Graus. Sie führt auch bei ihnen zu Stress mit Schülern und Eltern und zu Konflikten, wenn die rechnerische Note nicht zu den wundervollen sonstigen Fertigkeiten eines Kindes passt.

Liebe Lehrer, setzt euch für eine notenfreie Schule ein. Jedenfalls bis zum Alter von 12 Jahren, wie in anderen erfolgreichen Schulsystemen bereits praktiziert. Würde nicht ein pädagogisches Gutachten am Jahresende reichen, wenn ein Kind im Einzelfall Stoff wiederholen müsste, um nicht mit Lücken in die weiteren Jahre zu gehen? Oder wo soll der wichtige Unterschied sein zwischen einer 2 oder einer 3?

Was muss die Gesellschaft tun?

Die Politik muss das Notensystem hinterfragen! Es gibt für Noten, auch unter Berücksichtigung medizinischer und entwicklungspsychologischer Erkenntnisse,  im jungen Alter keine vernünftige Begründung. Wozu müssen Kinder in diesem Alter vergleichbar gemacht werden? SIE SIND NICHT VERGLEICHBAR.

Schule ohne Noten ist die Zukunft! Zumindest bis das Kind reif genug ist, sein Selbstbewusstsein nicht von Noten bestimmt zu sehen. Das haben andere Schulsysteme belegt, die mit weniger Druck mindestens zum selben Ergebnis kommen – aber gesünder und mit mehr langfristiger Lebensqualität.

Kategorie: Entwicklung, Kindererziehung

von

Dr. med. Gerald Hofner

Dr. Gerald Hofner war wissenschaftlicher Mitarbeiter und Oberarzt der Universitätskinderklinik Erlangen-Nürnberg, bevor er seit 2003 in der von ihm gegründeten Praxis für Kinder und Jugendliche in Neudrossenfeld und Bayreuth tätig wurde. Sein Fokus liegt auf der Schwerpunktversorgung für Kinderkardiologie, Kinderpneumologie und Jugendsportmedizin, sowie auf der Prävention. Ihm ist dabei wichtig, die Erkenntnisse der Wissenschaft verständlich zu den Patienten und ihren Familien zu bringen. Als Vater von zwei Töchtern weiß er um die Probleme von Familie.

4 Kommentare

  1. Wunderbar! Vielen Dank für diese Unterstützung aus medizinischer Sicht. Als LernCoach habe ich ähnliche Fälle… Kinder, die eigentlich zu schlau sind für unser System und sich nicht einpassen lassen wollen. Was bekommen sie? Schlechte Noten!
    Eltern sind oft in den eigenen Erfahrungen und Ängsten gefangen. Politiker trauen sich nicht, wirklich etwas BAHNBRECHENDES zu ändern. Schade… was !uss noch passieren?
    Seit vielen Jahren engagiere ich mich ehrenamtlich in bildungspolitischen Gremien. Ich gebe zu, immer wieder geht mir die Luft aus.
    Daher ist es hilfreich, wenn angrenzende Bereiche auch auf diese Probleme aufmerksam machen. Ich glaube, dass sich nur etwas ändert, wenn Eltern und Lehrer dieses grausame Spiel nicht mehr mitspielen und sich nicht einfach alldem beugen. Stehen wir alle auf. FÜR unsere Kinder!

    Alexandra Lux, Montessoti-Pädagogin und LernCoach aus München

  2. … und eine Anfrage.
    Sehr geehrter Herr Dr. Hofner,
    wir – vom Verein „Eine Schule für Alle in Bayern“ – sind begeistert von Ihren Ansichten über Noten und würden gerne mit Ihnen in näheren Kontakt treten!

    Auf unserer Website setzen uns mit der Subjektivität und den negativen Folgen von Ziffernnoten für Kinder, Lehrer und Eltern auseinander. Auf Elternabenden, u.a. mit dem Film „Geheimnis guter Schulen“ oder der Dokumentation eines Remo-Largo-Vortags und mit eigenen Vorträgen, vor allem über Noten, betreiben wir Aufklärungsarbeit und zeigen auf, dass Kinder in Schulen ohne Noten eigenaktiv und sehr erfolgeich lernen. So z.B. in der Evangelischen Schule in Berlin Mitte und in vielen anderen, vor allem im Ausland, aber in manchen Bundesländern sogar in öffentlichen Schulen. Wir würden in Bayern gerne die ganz andere Art des schülerktiven Lernens an einer öffentlichen Modellschule aufzeigen, haben aber unser Ziel beim Kultusministerium noch nicht erreicht.

    Umso wichtiger, dass Autoritäten wie Kinder- und andere Ärzte die negativen Folgen eines veräußerlichten Leistungsdrucks aufzeigen!

    Wir würden gerne mit Film und/oder Vortrag zu Ihnen kommen! Oder können Sie zu einem Vortrag nach München kommen?

    Wir freuen uns, von Ihnen zu hören!
    Ursula Leppert (ehemalige GYM-Lehrerin und Autorin)

  3. Monika Schneider sagt

    Ich kann Ihnen nur zustimmen! Über 30 Jahre unterrichte ich Mathematik und habe mit vielen Kindern, denen ich eine schlechte Note gab, innerlich mitgeweint. Besonders grausam ist die Durchführung des Probeunterrichts: An drei Vormittagen soll man als Lehrkraft feststellen, ob ein Kind für die Realschule bzw. das Gymnasium geeignet ist. Auch der Druck auf Kinder, Eltern und Lehrkräfte in der 3. und 4. Schulklasse ist – in Bezug auf das Übertrittszeugnis (auch „Grundschulabitur“ genannt) – unmenschlich.

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