Erziehung, Kindererziehung
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Zeugnisse – des einen Freud, des andern Leid

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Die Sommerferien stehen vor der Tür und die meisten Schüler fiebern diesen freudig entgegen. Anders sieht es aber wohl bei denen aus, die schon jetzt wissen, dass sie das Klassenziel nicht erreicht haben. Auch wenn sie und die Erziehungsberechtigen darüber bereits vor dem letzten Schultag schriftlich informiert werden, ist dieser Tag, an dem sie ihr Zeugnis mit dem Vermerk „Klassenziel nicht erreicht“ in den Händen halten, eine Belastung.
Hier stellt sich die Frage, wie Eltern und Schule die Situation für das Kind bzw. den Jugendlichen entlasten können. Vorwürfe in der Art „Das hast du nun von deiner Faulheit. Ich habe es dir ja schon das ganze Jahr gesagt.“ sind hier völlig fehl am Platz. Da man davon ausgehen kann, dass kein Kind gerne ein Schuljahr wiederholt (und übrigens auch davon, dass kein Lehrer einem Kind gerne die Versetzung versagt), ist es wichtig zu verstehen, dass eine Nichtversetzung für viele Kinder, die ja seit vielen Jahren einen Großteil ihrer Zeit der Schule widmen müssen, als existenzbedrohend empfunden wird. Sie müssen ihre Klassengemeinschaft, ihre Freunde verlassen, fühlen sich von den anderen abgehängt, was das Selbstwertgefühl stark negativ beeinflussen kann – was allerdings häufig durch ein betont cooles Verhalten kaschiert werden soll. Hier ist es Aufgabe von Eltern und Schule, den Schüler aufzufangen, ihm zu vermitteln, dass zwar die Leistungen in den betreffenden Fächern den Anforderungen nicht genügen, dies aber in keinem Zusammenhang mit der Wertschätzung der Person steht. Der Wert eines Kindes kann und darf sich niemals über seine Schulleistung definieren!
In dieser Situation gilt es vielmehr konstruktiv im Gespräch mit dem eigenen Kind und der Schule über das weitere Vorgehen zu beraten, um bereits vor dem Tag der eigentlichen Zeugnisausgabe eine Perspektive für die weitere Schullaufbahn zu entwickeln und dem Schuljahresende so den größten Schrecken zu nehmen.
Wichtig ist es im Gespräch mit den betreffenden Fachlehrern zu klären, was die Ursachen für die mangelhafte oder eventuell sogar ungenügende Leistung sind. Hier kommen in erster Linie mangelnde Reife, Überforderung, mangelnde Arbeitshaltung oder belastende Ereignisse im Schuljahresverlauf zum Tragen. Während der erste und der letzte Grund in der Regel ein Wiederholen der Jahrgangsstufe nahelegen (vorausgesetzt, das belastende Ereignis kann oder konnte von dem Schüler aufgearbeitet werden), ist die Situation bei Überforderung und mangelnder Arbeitshaltung differenzierter zu bewerten. Ist ein Schüler tatsächlich überfordert, tut man ihm mit einer Wiederholung oftmals keinen Gefallen, da spätestens im übernächsten Schuljahr die Probleme erneut auftauchen können und das Selbstwertgefühl durch häufiges Versagen immer stärker leidet. In diesem Fall sollte ernsthaft ein Schulwechsel in Erwägung gezogen werden, der oftmals ein Aufblühen der Kinder zur Folge hat, sodass sie ihr Potenzial dann tatsächlich wieder gut abrufen können und schulische Erfolge erzielen. Wird als Ursache für die schlechten Leistungen vordergründig eine mangelnde Arbeitshaltung ausgemacht, hilft es auch nichts, einfach zu sagen, der Schüler solle das Schuljahr wiederholen – wieso sollte er dann aus heiterem Himmel eine andere Arbeitsweise an den Tag legen. Man könnte hier natürlich einwerfen, durch die Nichtversetzung würden dem Schüler doch die Augen geöffnet, sodass er sich von nun an auf den Hosenboden setzt und lernt, doch dies tritt in vielen Fällen nicht ein. Es ist vielmehr notwendig, mit dem Schüler Lernstrategien zu entwickeln, da viele das Lernen erst (wieder) lernen müssen. Dies stellt einen zwar aufwändigen, aber für nachhaltigen Lernerfolg notwendigen Prozess dar.
In diese Sinne sollte man das Zeugnis als das sehen, was es tatsächlich ist: Der Bericht über den schulischen Leistungsstand (nicht über das Leistungsvermögen) eines Schülers zu einem gewissen Zeitpunkt – nicht weniger, aber eben auch nicht mehr!
Abschließend sei noch erwähnt, dass alle Aussagen natürlich auf Schüler und Schülerinnen bezogen sind, um der Lesbarkeit des Textes Willen aber nur von Schülern die Rede ist.

Wir danken unserer Gastautorin B. Ehlenberger für diesen Beitrag!

Kategorie: Erziehung, Kindererziehung

von

Dr. Stefan Schwarz

Dr. Stefan Schwarz ging in Augsburg zur Schule. Er machte nach dem Zivildienst eine Ausbildung zum Kinderkrankenpfleger. Das Studium schloss er in München ab. Nach der Ausbildung in verschiedenen, renommierten Kinderkliniken arbeitet er als niedergelassener Kinderarzt. Dr. Schwarz ist Vater von 4 aufgeweckten Kindern und kennt den Alltag, die Freuden und die Sorgen von Familien dadurch sehr gut.

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