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Das gibt´s doch nicht! Eine wahre Geschichte

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Mesut ist 10 Jahre, ein etwas schüchterner, aber fröhlicher Junge. Er liebt Spaghetti und Fußball, ist intelligent, handwerklich sehr geschickt und spielt gerne mit anderen Kindern. Mesut ist vor eineinhalb Jahren nach Deutschland gekommen, alleine, denn die Familie wurde auf der Flucht getrennt. Den Stadtteil, aus dem Mesut stammt, gibt es nicht mehr, er ist zerbombt. Die Eltern flohen, um ihren Kindern das Leben zu retten. Seine kleinste Schwester hat Mesut allerdings noch nie gesehen, sie wurde erst nach der Trennung von den Eltern geboren.

Mesut lebt heute in Deutschland bei einem Onkel. Wann und ob er seine Eltern wieder sieht, weiß niemand. Es fehlt das Geld für Pässe und die Flugkosten. Mesut vermisst seine Eltern natürlich sehr. Ab und zu erzählt er von ihnen, zum Beispiel wie er einmal mit seinem Vater einen Schrank aufgebaut hatte. Mesut durfte mit dem Akkuschrauber die Schrauben eindrehen, worauf er sehr stolz war.

Mesut spricht inzwischen schon recht gut Deutsch, natürlich noch mit einigen Fehlern. In seiner Heimat konnte er in den Kriegswirren nur wenige Wochen die Schule besuchen. In Deutschland hat er dann die 2. und 3. Klasse besucht, er durfte nicht in der ersten Klasse beginnen. Mit viel Hilfe hat er den Stoff nun einigermaßen geschafft – angesichts der Voraussetzungen eine tolle Leistung und das trotz aller Widrigkeiten und der furchtbaren Vorgeschichte. Da er nun 10 Jahre alt geworden ist, muss er jetzt aber in die 5. Klasse wechseln. Nein, das ist kein schlechter Scherz, sondern Realität.

Wäre Mesut ein deutsches Kind, wäre ein solches Vorgehen undenkbar. Hier gibt es Kinder, die vor dem Eintritt in die Grundschule aus den verschiedensten Gründen zurückgestellt wurden und noch im Verlauf der 4. Klasse 11 Jahre alt werden. Mesut wurde aber in einem anderen Land geboren, in dem Krieg herrscht und ist hierzulande ein unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling. Eine Einzelfallprüfung ist in unserem Schulsystem für solche Kinder offensichtlich nicht vorgesehen. Wie Mesut die 5. Klasse bestehen soll, bleibt für mich unklar. Ich frage mich, warum man einem solchen Kind keine faire Chance gibt?

Mich hat Mesuts Schicksal an sich schon sehr bewegt. Wie nun aber Mesuts Aufenthalt in Deutschland gestaltet wird, kann ich nicht nachvollziehen. Ich glaube auch, dass es gesellschaftlich gesehen ein sehr kurzsichtiges Vorgehen ist, Mesuts Beschulung so zu organisieren. Könnte Mesut einen Schulabschluss und eine Lehre machen, würde er sich problemlos integrieren können und später als Erwachsener für sich selbst sorgen. So geschickt, wie er ist, würde er vielleicht einmal ein toller Handwerker werden.

Wie wird wohl die Zukunft dieses liebenswerten Kindes aussehen?

Kategorie: Dossier

von

Dr. Stefan Schwarz

Dr. Stefan Schwarz ging in Augsburg zur Schule. Er machte nach dem Zivildienst eine Ausbildung zum Kinderkrankenpfleger. Das Studium schloss er in München ab. Nach der Ausbildung in verschiedenen, renommierten Kinderkliniken arbeitet er als niedergelassener Kinderarzt. Dr. Schwarz ist Vater von 4 aufgeweckten Kindern und kennt den Alltag, die Freuden und die Sorgen von Familien dadurch sehr gut.

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