Autor: Dr. Stefan Schwarz

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Hände weg von der Vorhaut

Felix ist 4 Jahre und kommt zu uns mit der 2 Entzündung der Vorhaut innerhalb von 6 Wochen. Dem Jungen tut der stark geschwollene und gerötete Penis sehr weh. Unter lokalen Maßnahmen und Schmerzmedikation ist nach wenigen Tagen alles wieder gut. Aber warum kommt es bei Felix immer wieder zu Vorhautentzündungen? Auf entsprechende Nachfrage berichtet die Mutter, dass man ihr geraten hatte, die Vorhaut immer wieder zurückzuschieben, damit sie weit wird. Diesen Ratschlag haben die Eltern auch befolgt. Dabei war die Vorhaut für Felix‘ Alter normal weit, auch beim Wasserlassen bestand kein Problem. Durch das ständige Zurückschieben entstanden nun die Probleme. Wir würden nicht raten, die Vorhaut generell zu „bearbeiten“. Besteht ein medizinisches Problem, würden wir die Eltern entsprechend beraten. Das Genitale wird bei Vorsorgeuntersuchungen ja immer gecheckt. Wenn sich beispielsweise die Vorhaut beim Wasserlassen aufbläht wie ein kleiner Ballon, besteht evtl. Handlungsbedarf. Die Vorhaut weitet sich – das muss man wissen – natürlicherweise, man sollte deswegen nichts forcieren. Auch die spontane Lösung der Verklebungen zwischen Eichel und Vorhaut, die bei vielen kleinen Jungen vorliegt, …

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Warum Lesen wichtig ist

In einer Studie aus dem Jahr 2014 wiesen die Wissenschaftler Richtie, Bates und Plomin nach, dass die Lesefähigkeit in der Kindheit über die Intelligenz im späteren Leben (mit)entscheidet. Untersucht wurden 1890 eineiige Zwillingspaare mit 7, 9, 10, 12 und 16 Jahren. Sowohl die verbale als auch die nonverbale Intelligenz der 16-Jährigen wurde durch die Lesefähigkeit im Alter von sieben Jahren bestimmt. Während der Zusammenhang deutlich nachgewiesen werden konnte, ist die Erklärung des Phänomens nicht ganz klar. Es wird vermutet, dass das Lesen die Fähigkeit des abstrakten Denkens fördert oder auch die Fähigkeit schult, sich längere Zeit mit einer Materie zu beschäftigen. Darüber hinaus darf man im Hinblick auf die Zukunft der Kinder nicht vergessen, dass durch den Wandel von der Industrie- zur Informations- und Wissensgesellschaft die Lese- und Rechtschreibkompetenzen immer wichtiger werden. Die Zahl der Arbeitsplätze, die den Umgang mit Computern und damit Textverarbeitungskenntnisse voraussetzen, wird stetig steigen. Außerdem ist auch das Internet ein Schriftmedium, das einen kritischen Umgang mit Texten erforderlich macht. Hat man früher Bücher, die oftmals wissenschaftlich geprüft waren, zur Aneignung von …

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Frühförderung

„Was ist denn das – Frühförderung?“, werde ich gefragt. Gerade hatte ich Svens Mama vorgeschlagen, aufgrund der deutlichen Entwicklungsproblematik des Kindes diese Fördermöglichkeiten für ihr Kind in Anspruch zu nehmen. Denn Sven ist 4 Jahre alt und hat große sprachliche und motorische Schwierigkeiten. Frühförderung wird in sogenannten Frühförderstellen geleistet. Geregelt ist das gesetzlich durch SGB VIII, IX und XII. Dennoch gibt es zwischen den Bundesländern große Unterschiede. In Bayern tragen die Bezirke die Kosten. Kinder mit erheblichen Entwicklungsstörungen, Kinder mit Behinderungen oder die von Behinderung bedroht sind sowie Kinder mit Sinnesbeeinträchtigungen, wie Taubheit oder Blindheit, haben auf Frühförderung Anspruch. Die Frühförderstellen betreuen Kinder bis zur Einschulung. Es findet sowohl pädagogische als auch psychologische und medizinische Behandlung, wie Physiotherapie, Ergotherapie oder Logopädie, statt. Die Therapeuten arbeiten unter einem Dach und tauschen sich aus, sodass die Behandlung so dem aktuellen Stand des Kindes angepasst werden kann. Ein Austausch mit dem betreuenden Kinderarzt kann ebenfalls stattfinden und ist sehr wertvoll. Und – sehr wichtig – auch die Eltern bekommen Beratung und Anleitung. Nach einem Jahr hat Sven nun …

Praxis-MFA

Ich hab´ keinen U2 Termin bekommen!

Wir tun in unserer Praxis für unsere Patienten, was in unserer Macht steht, dennoch können wir nicht alles ermöglichen. Das ist auch für uns nicht zufriedenstellend, dennoch müssen wir diese Grenzen leider akzeptieren. Wovon spreche ich hier? Ein Beispiel: Frau M. läuft mir zufällig in der Stadt entgegen. Sie grüßt freundlich und fragt, ob sie mir kurz etwas sagen kann, wo sie mich schon einmal trifft. Dann schildert sie, dass sie nach der Geburt ihrer zweiten Tochter von unserer Praxis keinen U2 Termin bekommen habe, was sie bewogen hat, die Praxis zu wechseln. Was ist der Hintergrund? Letztlich der bundesweite Kinderärztemangel! Fakt ist: Die Anzahl der Kinderärzte in einem Verwaltungsgebiet ist vorgegeben und beschränkt. Eine Praxiseröffnung ist nur zulässig, wenn in einem Gebiet ein sog. KV-Sitz frei ist und besetzt werden darf. Zugrunde liegt eine Bedarfsplanung. Diese Bedarfsplanung müsste der aktuell schon sehr hohen Nachfrage und dem zu erwartenden noch höheren Bedarf angesichts der derzeit weiter steigenden Geburtszahlen allerdings dringend angepasst werden. Zudem werden ein Viertel aller Kinderärztinnen und -ärzte in den kommenden 5 Jahren …

Lesen 3

Lesestart

Jeder, der des Lesens mächtig ist, macht sich über den Prozess des Lesens keine Gedanken. Es passiert ganz automatisch, sobald wir ein geschriebenes Wort sehen. Deshalb muss man sich als Eltern von Leseanfängern immer wieder bewusst machen, wie komplex der Prozess des Lesenlernens ist. Stellen Sie sich einfach einen griechischen Schriftzug vor. Ein paar Schriftzeichen erkennen Sie vielleicht noch aus dem Mathematikunterricht, aber die meisten dürften wohl ohne Lauttabelle schwer zu entschlüsseln sein. Genauso geht es Ihrem Kind. Die Buchstaben aus seinem Namen wird es schon erkennen, den ein oder anderen darüber hinaus auch noch. Aber die meisten muss es sich mühsam mit Hilfe der Anlauttabelle erarbeiten. Der nächste Schritt ist es, diese Buchstaben zu Silben und dann zu Wörtern zu verbinden. Auch hier gilt wieder: Wenn man es schon kann, versteht man nicht, wo eigentlich das Problem liegt. Für die Kinder ist dies aber wirklich eine große Herausforderung – ganz zu schweigen davon, dann auch noch zu hören, welches Wort diese Lautreihe dann eigentlich ergeben soll. Selbst bei einem kurzen Wort wie „Ente“ muss …

Angst 2

Das macht mir Bauchweh!

Finja ist 11 Jahre alt. Das sensible Mädchen war in den letzten 3 Wochen wiederholt von der Schule wegen Bauchschmerzen abgeholt worden. Bei der letzten Vorstellung in der Praxis war kein krankhafter Befund festgestellt worden. Bei näherem Nachfragen dauerten die Bauchschmerzen auch schon länger, etwa seit Herbst letzten Jahres. Wir vereinbaren einen ausführlichen Abklärungstermin in unserer Spezialsprechstunde. Finja kommt mit ihrer Mutter einige Wochen später zu dem Termin. Der Symptomkalender zeigt über die Woche verteilt immer wieder Bauchschmerzepisoden. Die Schmerzen treten um den Nabel herum auf, ohne Zusammenhänge zu Nahrungsmitteln, Ausscheidungen oder sonstigem. In der Schule läuft es schlecht, seit Anfang Dezember schreibt das Mädchen in fast allen Fächern schlechte Noten. Die Bauchschmerzen treten dennoch nicht im Zusammenhang mit den Schulaufgaben auf. Die sorgfältige körperliche Untersuchung, Blut, Urin und Stuhlanalysen zeigen keine Auffälligkeiten. Also ein unauffälliger Befund? Nein, die Abklärung ist noch nicht zu Ende. Der ausführliche Fragebogen, den die Mutter ausgefüllt hat, gibt erste Hinweise. Im Herbst haben sich die Eltern von Finja getrennt, eine sehr schwierige Zeit für die Eltern und das Kind. …