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Perfekte Kinder?

Bereits im 5. Jhd. v. Chr. stellte der griechische Arzt Hippokrates fest, dass sich Menschen hinsichtlich ihrer Charaktereigenschaften deutlich voneinander unterscheiden lassen. Bestätigen können dies auch die meisten Eltern mit mehr als einem Kind. Häufig hört man den Satz: „Die zwei sind ja so unterschiedlich!“ – und das, obwohl sie als Geschwister ja die gleichen genetischen Voraussetzungen haben und im selben sozialen Umfeld aufwachsen.

Es ist also eigentlich allgemein bekannt, dass Kinder in ihrem Verhalten und in ihrer Entwicklung einzigartig sind. Umso erstaunlicher erscheint es, dass sie heute immer häufiger mit z.T. fragwürdigen Normvorstellungen konfrontiert werden. Fallen sie durch das Raster, weil sie sich außerhalb der gesellschaftlichen, sehr eng gesteckten Norm bewegen, wird oftmals die Forderung nach einer Therapie laut. Während unruhige Kinder, die sich schlecht konzentrieren können und durch ihr Verhalten als Störenfriede empfunden werden, schon seit Längerem sehr schnell in die Gruppe „therapiebedürftiges ADHS“ einsortiert werden, ist in jüngerer Zeit ein deutlicher Anstieg der Autismus-Diagnosen zu verzeichnen – somit sind nun auch sehr ruhige, introvertierte Kinder in den Fokus der Therapeuten geraten.

Eine der wesentlichen Ursachen dafür, dass einzelne Charaktereigenschaften von Kindern als problematisch angesehen werden, liegt sicher in dem immer weiter um sich greifenden Streben nach Perfektion. So sollen auch die Kinder perfekt funktionieren – sie sollen offen, selbstbewusst, witzig, anpassungsfähig, intelligent …sein – die Liste ließe sich beliebig erweitern. Damit sind Kinder aber einerseits überfordert, und andererseits können sie ihre eigenen Anlagen und damit auch ihre Stärken nicht entfalten.

Um es deutlich zu machen: Es geht nicht darum, Kinder ohne Führung sich selbst zu überlassen, sondern darum, sie mit ihren Eigenheiten zu respektieren und diese nicht zu pathologisieren. Gleichzeitig muss man ihnen eine Hilfestellung geben, ihren Platz in einer Gruppe bzw. der Gesellschaft zu finden. Dabei bedarf es aber in der Regel keiner Therapie!

Hat man z.B. ein schüchternes Kind, so ist es besser, es nicht zu zwingen, vor einer Gruppe oder auch mit Fremden zu sprechen. Man sollte vielmehr Verständnis dafür zeigen, dass es dem Kind schwer fällt, sich laut zu äußern, es aber trotzdem immer wieder dazu ermuntern. Lobt man dann kleine Fortschritte, bekommt das Kind mehr Sicherheit und traut sich immer mehr zu. Allerdings wird eine gewisse Zurückhaltung anderen gegenüber oftmals bleiben, und dies ist auch völlig in Ordnung so.

B. E.

Wir danken unserer Gastautorin B. Ehlenberge, Gymnasialpädagogin, für diesen Beitrag.

DrS

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  1. Pingback: Ist AD(H)S überhaupt eine Krankheit? Eine Gesellschaftskritik | der Kinderarztblog

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