Alle Artikel in: Praxis

In eigener Sache – warum der kinderärztliche Notdienst geändert werden muss

Die Ausbildungszahlen in der Kinder- und Jugendmedizin gehen zurück und es gibt deshalb immer weniger Kinderärzte. Vor allem gibt es speziell in ländlicheren Regionen kaum mehr Ärzte, die sich in eigener Praxis niederlassen wollen. Für viele ist besonders die Verpflichtung zum „Notdienst“ (Bereitschaftsdienst)  ein wichtiger Grund, sich nicht mehr niederzulassen. Also die Verpflichtung, regelmäßig Dienst zu tun, wenn Praxen zu haben – am Wochenende, an Feiertagen und vor allem nachts. Was bedeute dieser Bereitschaftsdienst für uns? Jeder Kassenarzt ist verpflichtet, an diesem Notdienst teilzunehmen. Internisten, Allgemeinärzte und viele andere nehmen zum Beispiel am allgemeinen Bereitschaftsdienst teil – Facharztzeugnis ist dabei nicht Pflicht. Wir Kinderärzte nehmen wie etwa auch Augenärzte, HNO-  oder Frauenärzte am fachärztlichen Notdienst teil. Während sich in unserer Region rund 400 Ärztinnen und Ärzte den allgemeinen Bereitschaftsdienst in verschiedenen Schichten teilen und damit auf etwa 190 Stunden Dienstbelastung im Jahr kommen, sind es in der Gruppe der Kinderärzte etwa 12 Kolleginnen und Kollegen, so dass die Dienstbelastung mehr als 560 Stunden im Jahr ausmacht. Wohlgemerkt zusätzlich zur normalen Praxis am Tage. Seit diesem …

Schulmedizin oder natürlich heilen?

Ein bewusst provokanter Titel. Denn in meiner langjährigen Sicht auf die Kindermedizin kristallisiert sich immer mehr heraus, dass dies in vielen Fällen kein Widerspruch ist. Weil Medizin, Gesundheit und Wohlbefinden  eben ganzheitlich zu betrachten ist. Das, was wir im Allgemeinen als Schulmedizin bezeichnen, hat seine Grundlage im wissenschaftlichen Beleg für bestimmte therapeutische Maßnahmen. Die sind oft zugegebenermaßen aber auch nicht eindeutig – oder für den Einzelfall zutreffend. Dennoch wird kein Mensch mit Rest-IQ auf das Pendeln als Hauptmethode bei der Behandlung eines angeborenen Herzfehlers setzen. Umgekehrt bedeutet „natürlich heilen“ nicht, dass es automatisch wirkungslos ist. Viele heutige schulmedizinische Medikamente entstammen ja auch ursprünglich der Natur. Denken Sie nur an Penicillin. Und auch andere ganzheitliche Methoden (etwa die Gesprächstherapie, die Wirkung des Körperkontakts oder physikalische Heilmethoden) sind unbestritten wirksam. Ein Grund, warum auch ich mich für mehr Vertrauen in den Einsatz natürlicher Methoden stark mache, z.B. mit physikalischer Fiebersenkung statt Ibuprofen oder Paracetamol. Dennoch gibt es Grenzen. Die sind für mich dann erreicht, wenn eine dringend notwendige Therapie durch wirkungslose „natürliche Heilung“ verpasst wird. Nicht ganz …

Was ist Fieber? Und warum ich für eine neue Fieberkultur eintrete…

Es ist wieder Grippesaison. Und da häufen sich wie jedes Jahr im Februar und März die Fälle von Fieberkindern. Fieber erschreckt die Eltern. Denn das Kind ist matt und mitgenommen. Und plötzlich spuken im elterlichen Kopf Begriffe wie „Fieberkrampf“, „Überfieberung“, „Fieberschock“…. Um es vorwegzunehmen. Fieber wird vom eigenen Immunsystem „gemacht“. Es ist eine Begleitreaktion der Entzündungs- und Abwehrphase, die das eigene Immunsystem erzeugt. Eine „Überfieberung“ gibt es deshalb nicht (außer bei bestimmten Narkosemedikamenten). Krampfanfälle bei Fieber („Fieberkrämpfe“) gibt es schon. Aber auch diese hinterlassen bei ansonsten gesunden Kindern keine Schäden. Sie treten am häufigsten beim raschen Auffiebern oder Wiederauffiebern (nach starken Fiebersenkern) auf. Vielleicht muss der Erreger behandelt werden, der zu Fieber führt. Das Fieber selbst muss aber im Allgemeinen nicht behandelt werden. Der Griff zu Ibuprofen oder Paracetamol kann sogar – wegen des Fieber-JoJo-Effekts – das Risiko für Fieberkrampfanfälle steigern. Paracetamol gilt nicht mehr als ideales Medikament (wegen der starken Nebenwirkungen an der Leber), auch für Ibuprofen mehren sich die Hinweise auf langfristige Nebenwirkungen. Was also tun? Wenn das Fieber moderat ist, muss es …

SCHÖNE FERIEN! ERHOLSAMEN URLAUB!

Auch der Kinderarztblog macht im August Urlaub. Wir lesen uns wieder ab September. Zunächst aber noch unsere guten Wünsche für Urlaub und Ferien. Sie kommen dieses Jahr mit einem Zitat unseres Bayreuther Dichters Jean Paul (1763-1825). Nur Reisen ist Leben, wie umgekehrt Leben Reisen ist. In einer Zeit, in der Reisen noch beschwerlicher war, hat Jean Paul erkannt, dass Reisen den Kopf erweckt, in dem das Bekannte immer wieder herausgefordert wird. Etwas, was bereits früh im Leben beginnen darf. Fahren Sie mit Ihren Kindern deshalb ruhig immer mal aus der gewohnten Umgebung weg. Es muss ja nicht immer eine Fernreise sein. Auch ein Besuch bei Freunden in einer anderen Stadt kann  ja schon ein Erlebnis sein. Wo auch immer Sie die Urlaubszeit verbringen – kommen Sie gesund wieder – und voller neuer und guter Eindrücke.

Das neue Europäische Datenschutzgesetz – in eigener Sache

Morgen tritt das neue europäische Datenschutzgesetz („Datenschutz-Grundverordnung“) in Kraft. Es verpflichtet alle Firmen, wie auch Online-Plattformen, und eben auch Praxen, zu strengerem Datenschutz personenbezogener Daten. Bei Versäumnissen drohen Strafen bis 20.000.000 Euro. An sich eine gute Sache! Finde ich. Vor allem, wenn man auf die Datenschutzpraktiken der großen Datenschutz-Kraken wie Facebook und Google sieht. Aber: Es offenbart die Ziellosigkeit in einem staatlich gelenkten „Gesundheitswesen“ einmal mehr! Natürlich sind gerade Gesundheitsdaten besonders schützenswert. Und das tun wir ja auch. Aber das, was von einem deutschen Gesundheitswesen über die Köpfe der Praxen hinweg mit großem Engagement vorangetrieben wurde, nämlich das Gesundheitswesen auch auf Datenebene effektiver zu machen (Stichwort „elektronische Gesundheitskarte“, aber auch Labor- oder Röntgendatenübertragung ) soll jetzt bei den einzelnen Praxen vor Ort auf Datenschutz abgesichert werden. Unter der Androhung von existenzvernichtenden Strafen. Und natürlich ohne Ersatz des Mehraufwandes seitens der Krankenkassen, die in den Jahren zuvor die online-Initiativen erst vorangetrieben haben. Ein krankes System. Kein Wunder,  dass sich immer weniger Ärzte in die ambulante Patientenversorgung trauen. Na. Vielleicht kommen wir ja irgendwann wieder zurück zu …

Tipp der Woche – Schönen Urlaub!

Lassen Sie es sich jetzt im Sommer mal so richtig gut gehen!!!! Ob zuhause oder im Urlaub! Genießen Sie die warmen Tage. Die kalten kommen eh viel zu früh wieder. Hängen Sie die Beine ins Wasser! Genießen Sie jeden Schluck Ihres kalten Getränkes. Und lassen Sie es sich mal so richtig gut gehen. Die Kinder brauchen diese Zeit der Ruhe. Ohne Stress und ohne Pflichten. Und Sie auch! Der Kinderarztblog wünscht eine schöne Ferienzeit!

In eigener Sache – unsere Mitarbeiterinnen in der Schusslinie

Wer mit unserer Praxis Kontakt aufnimmt, der bekommt es wie in allen Praxen erst einmal mit unseren MFAs zu tun. Das heißt ausgeschrieben „Medizinische Fachangestellte/r“. Früher hießen diese Tausendsassas Arzthelferinnen. Sie machen nicht nur einen großen Teil der vorbereitenden Arbeit am Patienten. Sie organisieren uns auch den Sprechstundenablauf. Eine der wichtigsten Funktionen ist es dabei, die Patienten zu filtern. Das tun sie nach von uns Ärzten festgelegten Regeln. Denn wie Sie es vielleicht schon bemerkt haben, das Gesundheitswesen blutet an Ärzten aus. Und wir müssen immer häufiger die Zeit und damit auch die Patientenzahl, die wir Ärzte an einem Tag mit gutem Gewissen schaffen, begrenzen. Weil auch unsere ärztlichen Tage nur 24 Stunden haben und weil auch unsere ärztliche Tätigkeit ihre Belastungsgrenze hat, oberhalb derer eine verantwortliche Patientenbetreuung nicht mehr möglich ist. Natürlich würden wir gerne alle Ihre Probleme mit Ihnen lösen, und das auch idealerweise mit geringer Wartezeit auf einen Termin. Dennoch gehört es auch zur Qualität ärztlichen Handelns, die Patientenzahl zu begrenzen – um eben den schwerwiegenderen Problemen ausreichend Zeit und Kraft widmen …

In eigener Sache – warum wir hier schreiben

Warum wir hier schreiben, wollen Sie wissen? Ob wir nicht genug zu tun haben in der Praxis? Naja. Medizin ist ein wundervoller Beruf. Wir dürfen helfen, beruhigen, lotsen. Und das sogar für Kids. Da ist dann also auch noch Leben in der Bude. Allerdings müssen wir in der Praxis mit Zeit und Möglichkeiten gut haushalten, damit wir unsere Praxis mit ihren vielen wunderbaren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern stabil und sicher durch die Untiefen des Gesundheitswesens führen. Deshalb bleibt viel an Beratung, die wir eigentlich gerne geben würden, auf der Strecke. Vor allem die Beratung, die wir gerne zu psychosozialen Themen geben würden. Zu Themen also, für die es in der Praxis kein Budget gibt, weil sie keine Erkrankung im engeren Sinn sind, und die dennoch so sehr wichtig sind. Denn sie bestimmen das langfristige Wohlbefinden. Also wollen wir dies gerne hier tun: uns zu diesen Themen äußern. Zu Erziehung. Zu Stress im Kindesalter. Vielleicht einen Finger in gesellschaftliche Wunden legen. Probleme im täglichen Leben aufdecken. Überall dort, wo wir Kinder zu kurz kommen sehen, in welcher …

Tipp der Woche

Was tun mit Kindern, die motorisch und auch ansonsten 1a entwickelt sind, aber dennoch keine Lust haben zu krabbeln, und sich nur robbend durch die Zimmer bewegen? Oft liegt es am glatten Boden. Um krabbeln zu lernen, müssen die Knie eine Reibung auf rauem Untergrund spüren. Das gibt Stabilität beim Krabbeln. Am einfachsten hilft dann ein Teppich. Teppichreste hat fast jeder auf dem Dachboden oder bei der Oma. Ansonsten gäbe es ja die Restestube. Auf die Optik müssen Sie nicht achten. Sie brauchen ihn ja nur für ein paar Wochen.

Gelassenes Zuwarten

Leni kommt wegen eines akuten Infektes der oberen Luftwege, der seit einigen Tagen besteht, zum Arzt. Seit 4 Tagen hat das Kind hohes Fieber. Der Kinderarzt findet nur Zeichen für einen vitalen Infekt, er verschreibt kein Antibiotikum. Lenis Mutter zweifelt zunächst, ob dies die richtige Entscheidung ist. Nach 2 Tagen sinkt jedoch das Fieber, dem Kind geht es besser, das Zuwarten war auch rückblickend richtig. Hätte der Doktor das Antibiotikum allerdings doch verschrieben, hätten Lenis Eltern die Entfieberung wohl auf die Wirkung des Medikaments zurückgeführt – verständlich, aber fälschlicherweise. Wir Menschen nehmen einen zeitlichen Zusammenhang meist auch als ursächlichen Zusammenhang wahr. Das ist aber natürlich nicht immer richtig. Außerdem ist gerade in der Medizin Aktionismus nicht angebracht. Die Wirkung therapeutischer Maßnahmen oder von Medikamenten wird oft überschätzt, das belegen zahlreiche Studien. Man spricht auch von therapeutischer Illusion. Insofern ist der Rat zum Abwarten mit Augenmaß bei einem erfahrenen Arzt durchaus auch Zeichen einer guten Behandlung! Man darf und soll auch der Natur und den Selbstheilungskräften vertrauen. In der Kinderheilkunde mit ein erzieherisch wichtiger Aspekt hinzu, …