Medizin, Praxis
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Der interessante Fall – Essstörung als indirekte Reaktion auf die COVID19-Epidemie

Vorausschicken möchte ich, dass ich den Virus SARS-CoV2 für überaus gefährlich halte und selbst hoffe, niemals damit heftig in Kontakt zu geraten. Und auch die gespaltene Stimmung hinsichtlich der Notwendigkeit der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie halte ich für gefährlich, weil hier Menschen das für die Fachleute Sichtbare in nie dagewesener Weise leugnen und damit eine Diskussionskultur schaffen, die ein Handeln mit Augenmaß zunehmend schwierig macht.

Dennoch dürfen wir als Ärzte, denen Kinder und Jugendliche anvertraut sind, nicht verschweigen, dass die Pandemie auch andere Folgen haben kann, als die direkten durch die Infektion mit dem SARS-CoV2-Virus.

Ein interessanter Fall ist es deshalb wert, berichtet zu werden.

Es handelt sich um einen Patienten, der eine sogenannte posttraumatische Belastungsstörung entwickelt hat. Dies ist eine typische Reaktionsform auf einschneidenden, lebensbedrohlichen  Stress. Im Rahmen der Belastungsstörung, die zunächst aufgrund der allgemeinen Unruhe der Zeit gar nicht auffiel, kam es zu Angst- und Sinnlosigkeitsgefühlen, die letztlich in einer reduzierten Nahrungsaufnahme mündete. Die Folge war das Bild einer Magersucht, aber eben nicht als typische psychische Anorexie, sondern als Reaktion auf den Stress. Viele Merkmale einer Magersucht waren dennoch vorhanden, etwa auch die Herzbeteiligung, so dass zunächst eine Therapie hinsichtlich Anorexie erfolgte. Erst im Verlauf der psychologischen Diagnostik wurde aufgedeckt, dass unser Patient die Symptome als posttraumatische Stressreaktion entwickelt hat. Unter Psychotherapie besserte sich der Zustand, muss aber aufgrund der noch ungelösten Pandemie sicher gut beobachtet werden.

Hintergrund:

Kinder und Jugendliche können in der allgemeinen Unsicherheit der Pandemie durchaus schlimmere psychologische Auffälligkeiten zeigen, die in einzelnen Fällen auch eine Therapie benötigen. So wurde im Bayerischen Ärzteblatt kürzlich berichtet, dass das Risiko für Hyperaktivität, emotionale und Verhaltensprobleme gegenüber der Zeit vor der Pandemie von rund 18 Prozent auf 31 Prozent gestiegen sind.

Was könnt Ihr Euren Kindern Gutes tun, dass es gar nicht erst dazu kommt?

  • Verschweigt eigene Ängste und Unsicherheiten im Zusammenhang mit der COVID19-Krise nicht (Kinder bekommen Sie eh mit, sie haben dafür sensible Fühler)
  • Sprecht so oft wie möglich darüber, ausgesprochene Ängste sind oft gelöst
  • Versucht, so viel wie möglich Normalität zu leben, mit familiären Rhythmen und viel Zeit gemeinsam, gerne im Freien
  • Überlegt mit den Kindern, wie Ihr Risikomenschen in Euren Familien schützen könnt
  • Wenn Ihr selbst Probleme habt, damit klar zu kommen, sucht zumindest einen Hausarzt auf, einen Psychologen oder eine Beratungsstelle für Erziehung

Wenn man COVID durchgemacht hat, kann es durch die Infektion und die Abwehrreaktion zu noch anderen neurologischen und psychologischen Problemen kommen. In diesen Fällen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt.

 

Kategorie: Medizin, Praxis

von

Dr. med. Gerald Hofner

Dr. Gerald Hofner war kinderkardiologischer Oberarzt der Universitätskinderklinik Erlangen-Nürnberg, bevor er 2003 in eine neue Praxis in Neudrossenfeld und Bayreuth wechselte. Sein Fokus liegt auch dort auf der Schwerpunktversorgung für Kinderkardiologie, Kinderpneumologie, Jugendsportmedizin und Ernährungsmedizin, besonders unter dem Aspekt der Prävention. Ihm ist dabei wichtig, die Erkenntnisse der Wissenschaft praktisch und verständlich zu den Patienten und ihren Familien zu bringen. Als Vater von zwei Töchtern weiß er um die Probleme von Familie. Seit 2019 ist er außerdem verantwortlich für die beiden neuen Medizinprodukte FrioQuick® Kühlpflaster und RhinoQuick® Schnupfenpflaster in Deutschland - sanfte und effektive Therapie. Dr. Gerald Hofner hat einen Lehrauftrag der Universität Bayreuth angenommen.

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