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Wie geht´s denn Mama und Papa?

Luis kommt heute zu seiner U8. Ich begrüße den fröhlich dreinblickenden Jungen und seine Mutter und erkläre ihm kurz was wir vorhaben. „Wie geht es Ihnen denn ?“, frage ich dann die Mutter noch, bevor wir zur eigentlichen Vorsorge kommen. „Meinen Sie wirklich mich?“, fragt sie etwas ungläubig zurück. „Ja, ich meine wirklich Sie!“, antworte ich. „Das hat mich schon lange niemand gefragt!“, erwidert sie und erzählt mit Tränen in den Augen, dass es im Moment alles zu viel ist – die 3 Kinder, der Hausbau, der Job und die kranke Oma. Ein aktuelles, aber für den Kinderarzt nicht so seltenes Erlebnis. Jeden Tag dreht sich in unserer Sprechstunde alles um die Bedürfnisse der kleinen und etwas größeren Patienten! Wirklich alles? Nein, absolut nicht, denn wie es Mama und Papa geht, ist zum einen nicht egal und zum anderen für die Kinder sehr, sehr wichtig. Mamas oder Papas Be- oder Überlastung kommt beim Kind an. Auch wenn man sich noch so anstrengt, sie vor den Kindern zu verbergen. Nun hat Luis´Mama eine sehr hohe Belastung …

Perfekte Erziehung?

Sie gehören zu den Eltern, die denken, es gibt die perfekte Erziehung? Dann haben wir etwas gemeinsam. Das dachte ich auch einmal. Vor den eigenen Kindern. Perfektion gibt es nicht. In der Erziehung ist sie sogar schädlich. Wer es versucht, dürfte seinem Kind keinen größeren Schaden zufügen können für dessen ganzes Leben. Warum? Wer den perfekten Menschen aus seinem Kind machen will, der hat im Kopf ein Idealbild, das er erreichen will. Das berücksichtigt aber selten das Individuelle und Besondere des Kindes. Etwa seine Neigungen und Fähigkeiten. Klar. Ein Kind muss Regeln lernen. Aber die lernt es am besten durch das Vorbild der Eltern. Wenn nun die wichtigste Regel lautet „Du musst perfekt werden!“, dann wird es immer das Gefühl haben, nicht zu genügen. Das blockiert den Aufbau eines gesunden Selbstbewusstseins und führt zu oft lebenslanger Verunsicherung. Leider erleben sich gerade auf Perfektion bedachte Eltern selbst nicht so. Denn oft erleben sie sich selbst (und ihre Kinder) als ungenügend und unperfekt. Am Druck, den sie sich und dem Nachwuchs machen, ändert es nichts. Bitte, hinterfragen …

Drück mich, ich bin ein Kaktus!

Das kennen alle Eltern von pubertierenden Jugendlichen: es gibt Zoff, das Pubertier weiß alles, kann alles, ist stachelig wie ein Kaktus und ist generell plötzlich ganz anders, als das Kind, das man kannte. Die Stimmungen wechseln mindestens sekündlich. Und die Eltern, die sind wegen der ewigen Diskussionen oft erschöpft. Und nun? Das Gehirn in der Pubertät ist in einem Ausnahmezustand. Da muss sich der Jugendliche erst mal zurechtfinden. Schon eine große Leistung. Nicht zu reden von den Anforderungen in Schule oder Ausbildung. Was die Jugendlichen trotz ihrer Verwandlung in Kakteen in dieser sensiblen Phase brauchen ist Rückhalt, Zuneigung, Respekt und Begleitung. Wobei die Eltern eben immer mehr in den Hintergrund treten müssen und die Jugendlichen „machen lassen“ müssen. Puh, das kostet Kraft. Und nicht immer ist der Ton der Jugendlichen angebracht, sie provozieren und schlagen über die Stränge. Die Eltern nervt das natürlich auch und sie sind manchmal mürbe. Und im Prinzip sagen die Pubertiere: „Drück mich, ich bin ein Kaktus!“ Sie wollen und brauchen bedingungslose Zuneigung und Rückhalt. Die Antwort „Komm her, ich drück …

Zweisprachig aufwachsen – aber wie?

Francis soll zweisprachig aufwachsen. Seine Mutter stammt aus den USA, sein Vater aus Deutschland. Wie sollen die Eltern dabei aber nun am besten vorgehen? Sie haben sich bereits Gedanken gemacht und informiert und fragen auch in der Sprechstunde nach, als das Kind zur U3 vorgestellt wird. Eine Frage scheint besonders drängend: Müssen Francis´ Eltern befürchten, das Kind zu überfordern? Diese Angst ist unbegründet, denn Kinder können mehrere Sprachen gleichzeitig auf dem Niveau eines Muttersprachlers lernen. Es ist zunächst keine Frage der Intelligenz. Wichtig ist, für den Spracherwerb gute Voraussetzungen zu schaffen. Francis´ Eltern wollen jeder in seiner Muttersprache mit dem Kind reden. Das macht absolut Sinn! Und zwar am besten ab der Geburt. Denn bis zum 3. Lebensjahr lernen die Kinder wesentliche Grammatikanteile. Den Wortschatz können sie auch später erweitern. Auch nach dem 3. Geburtstag ist eine mehrsprachige Erziehung möglich, ab 6 werden dann aber doch deutliche Unterschiede zu Muttersprachlern zu Tage treten. Francis Eltern fragen nach der Zeit, der ein Kind einer Sprache ausgesetzt sein muss, um sie gut lernen zu können. Das ist …

Gelungene Ferien ohne WLAN

Meer, Sonne, Strand und endlich im Ferienhäuschen angekommen. Der Urlaub kann beginnen. Am zweiten Tag gibt es mit zunehmender Häufigkeit die Fragen der pubertierenden Mitreisenden nach dem WLAN-Schlüssel, schließlich muss man die Nachrichten der Freunde lesen und seine Handy-Zeit nutzen. Der Code bleibt aber unauffindbar, wobei noch nicht mal die Kids sehr lange suchen. Pubertierendes Gemaule folgt, hält sich aber überraschenderweise in Grenzen und die Familie verbringt herrliche Tage am Strand, ohne dass das ewige Diskussionsthema „Handy und Medien“ viel Raum einnimmt. Die Urlaubstage vergehen wie im Flug, jeder kommt auf seine Kosten und auch die großen pubertierenden Geschwister genießen die Zeit. Viel zu schnell kommt der Abreisetag, das Ferienhäuschen wird aufgeräumt, die Koffer gepackt. Papa räumt im Wohnzimmer noch rasch eine Kiste mit Spielen und anderem Kimskrams ein. Da kommt doch tatsächlich unter der Kiste der WLAN-Schlüssel zum Vorschein! Anscheinend hat jemand am ersten Tag versehentlich die Kiste daraufgestellt. Papa kann schweigen – wie in den letzten 2 Wochen – und hat gar kein schlechtes Gewissen. Denn es beschwert sich niemand, dass man was …

Bleiben Sie mit Ihrem Kind an der roten Ampel stehen?

Natürlich bleiben Sie mit Ihrem Kind an der roten Fußgängerampel stehen. Es soll ja die Regel lernen, dass rot „stopp“ bedeutet. Im jungen Alter bis etwa 6 oder 8 Jahre werden Regeln einfach als richtig oder falsch wahrgenommen. Es gibt nichts dazwischen. Danach wird das Kind aber anfangen, Regeln zu hinterfragen. Und dann ist die rote Ampel ein sehr gutes Beispiel. Mir persönlich war es immer lieber, dass meine Kinder nicht nur die Regel „rote Ampel heisst Stopp“ gelernt haben, sondern vor allem auch, dass sie schauen sollen, ob Autos kommen. Und ob sie ungefährdet gehen können. Und zwar auch bei grün. Und auch, wenn sie (etwa in einer übermütigen Gruppe) die rote Ampel missachten und bei rot gehen, was ja übrigens auch in manchen anderen Ländern und Städten toleriert ist. Letztlich geht es nicht um das sture Einhalten von Regeln, sondern um den Sinn dahinter – hier um die Unversehrtheit im Straßenverkehr. Vielleicht fallen Ihnen ja noch andere Beispiele ein, in denen dasselbe gilt. Dann freue ich mich auf Zuschriften….

Von Magnet-Mamas und sterbenden Schwänen

Ein Phänomen begegnet mir in der Praxis immer wieder – das Zusammentreffen von sterbenden Schwänen und Magnetmamas. Und man kann Einiges daraus ablesen zur Frage: wieviel Schutz braucht ein Kind, und wieviel Selbständigkeit. Das Schauspiel.  Die Rollen: Hauptdarsteller 1 hat ein Kind in einem Alter, in dem es eigentlich schon viele viele Dinge mutig und allein durchführen kann, und diese Dinge auch alleine schafft, zum Beispiel im Kindergarten. Zur großen Freude aller. Hauptdarstellerin 2 ist z.B. eine Mama (zur Genderneutralität siehe unten), die eine sehr gute Mama ist und ihr Kind liebt (wie alle Mamas) und die ihr Kind nie im Stich lassen würde (wie alle Mamas). Nebendarsteller ist in meinem Fall der Arzt. Er spielt eigentlich keine echte Rolle. Er ist lediglich der Aufhänger, an dem sich das Schauspiel entzündet. Die Handlung: Hauptdarsteller 1, der im Kindergarten und beim Spiel in der Gruppe ansonsten immer mutig und forsch auftritt, klammert sich in dem Augenblick, in dem es vom Nebendarsteller um eine völlig harmlose Handlung gebeten wird (sagen wir mal, zum Beispiel um eine kurze …

Streit um den richtigen Erziehungsstil

Sie werden zum Beispiel Pandamamas oder Tigermamas genannt und streiten heftig, teilweise dogmatisch und mit Sendungsbewusstsein über den besten Kindererziehungsstil. Es ist in dieser Diskussion kein Ende in Aussicht. Und was macht man nun als Normalo draus? Keine Frage, die Erziehung ist eine Herausforderung. Wie weit lasse ich das Kind los, lasse es eigene Erfahrungen machen mit der Gefahr, sich auch einmal eine blutige Nase zu holen und rechne mich dem Pandalager zu? Oder wie eng setze ich Grenzen, übe Druck aus und bringe das Kind zu bestimmten Leistungen, die aber nicht aus innerer, eigener Motivation heraus kommen, und bezeichne mich als Tiger? Fragen, über die man diskutieren kann und die sich jeder letztendlich selbst beantworten muss! Nicht dass Anregungen von außen immer schlecht wären! Wahrscheinlich ist es dennoch das Beste, sich von all diesen Begrifflichkeiten frei zu machen, die Ratgeber und Artikel zur Seite zu legen und mit gesundem Menschenverstand zu überlegen, was Sinn in der Erziehung des eigenen Kindes macht. Womit ist man selbst authentisch, fühlt sich wohl, kann eigene Werte, Strukturen und …

Offen und auf Augenhöhe

Kommunikation mit Jugendlichen – hmmm, schwierig? Ja vielleicht, aber es gibt auch einige Dinge, die Jugendliche berechtigterweise einfordern und die den Umgang deutlich erleichtern. Miriam, 14 Jahre, kommt nach der Schule heim. Nach der Begrüßung kommt ihre Mutter schnell auf die E-Mail zu sprechen, die sie an diesem Tag vom Englischlehrer bekam. Miriam hat wiederholt die Hausaufgaben nicht gemacht, soll nacharbeiten und die Eltern sollen mit Miriam ernsthaft sprechen. Von dieser E-Mail bzw. der geplanten Kontaktaufnahme des Lehrers mit ihren Eltern wusste Miriam nun aber nichts. Sie wird wütend, fühlt sich hintergangen und ist einem weiteren Gespräch mit ihrer Mutter zunächst einmal nicht mehr zugänglich. Sie ist schließlich kein kleines Kind mehr! Wumms, die Türe ihres Zimmers fliegt zu. Im weiteren Verlauf des Nachmitttags tauschen sich Miriam und ihre Mutter noch einmal aus. Sie gehen in der nächsten Sprechstunde gemeinsam zu der Lehrkraft, besprechen den Vorfall und die Sachlage. Für Miriam das Wichtigste, nachdem der schulische Teil besprochen wurde: Offene Kommunikation, nicht hinter ihrem Rücken! Wenn der Lehrer die Eltern kontaktieren will, soll er ihr …