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Wenn Kinder wütend werden (ein Gastbeitrag von Anastasia Weinberg)

Ein Blatt Papier hat einen winzig kleinen Knick. Das Geschwisterkind schaut komisch. Das Fleisch auf dem Teller berührt den Kartoffelsalat. Der sorgsam gebaute Turm stürzt plötzlich ein. Die Erzieherin kündigt die Aufräumzeit an. Mama und Papa kaufen kein neues Spielzeugauto und ein Eis gibt es kurz vor dem Abendessen leider auch nicht.

Unsere Gastautorin Anastasia Weinberg (Bayreuth) ist selbstständige systemische Beraterin und Erzieherin. Als pädagogische Fachkraft mit langjähriger Praxiserfahrung erlebt sie hautnah, welche Schwierigkeiten Kinder, Eltern und Teams tagtäglich überwinden müssen. Sie begleitet Eltern und Pädagog*innen auf dem Weg zu innerer Stärke, Gelassenheit im Alltag mit Kindern, wertschätzender Kommunikation und zu gesundem Selbstschutz. Sie ist Mediatorin in alltags- und lösungsorientierten Workshops. Auf Facebook und Instagram (@systemischpaedagogisch) schreibt sie über aktuelle Themen und persönliche Erfahrungen oder gibt Impulse zu Selbstreflexion und Selbstfürsorge. Kontakt: www.systemisch-paedagogisch.de

Und schon passiert es. Kinder reagieren mit heftiger Wut und tun sich schwer, die Situation zu bewältigen. Beinah täglich stehen Eltern und Pädagog:innen vor der Aufgabe, Kinder durch die Wut zu begleiten. Sie versuchen, sie zu beruhigen und gleichzeitig die eigene Wut im Zaum zu halten, die in solchen herausfordernden Situationen nicht lang auf sich warten lässt.

Wenn sich Mütter, Väter oder pädagogische Fachkräfte hilfesuchend an mich wenden, lade ich sie zuallererst dazu ein, sich mit der eigenen Wut auseinander zu setzen.

  • Was macht denn Sie so richtig wütend? Was müssen andere tun, um Sie zu verärgern? Welche Worte oder Reaktionen auf Ihre Wut verstärken sie? Welche tun gut?
  • Welchen Umgang mit Wut haben Sie als Kind kennen gelernt? Wie haben Ihre Eltern darauf reagiert, wenn Sie als Kind wütend wurden?
  • Wo oder bei wem haben Sie das Gefühl, wütend sein zu dürfen, ohne negative Konsequenzen zu befürchten?
  • Können Sie sich an eine Situation erinnern, die Sie gut meistern konnten, weil Sie Ihre Wut angemessen geäußert und erklärt haben?
  • Wie sieht für Sie ein angemessener Umgang mit Wut aus? Was sollte jedes Familienmitglied tun dürfen, wenn es verärgert ist? Was ist ok und was nicht? Und ist das allen bekannt?

Wut ist ein fester Bestandteil unseres Alltags. Kinder, die laut „Stop, hör auf mich zu hauen!“ rufen oder Erwachsene, die sich zusammenschließen, um für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen würden das nicht tun, ohne zuvor Wut verspürt zu haben. Wenn Kinder wütend werden, hören sie oft, dass das gar kein Grund sei sauer zu werden, weil es Erwachsenen schwer fällt, die Gründe des Wutausbruchs zu verstehen. Aus einer Erwachsenensicht ist ein Knick im Papier kein Grund, das Blatt zu zerreißen und in den Mülleimer zu feuern. Doch wie würde es mit einem Knick in der ausgedruckten Broschüre aussehen, die man gerade frisch aus der Druckerei erhalten hat?

Es gibt kein Maß, keine Norm für gute oder schlechte Gründe, wütend zu werden. Es geht auch nicht darum zu beurteilen, was für Kinder, Mütter, Väter oder Pädagog:innen  als schlimm wahrgenommen wird. Es geht vielmehr darum zu vermitteln, dass Wut in erster Linie ein positives und alltägliches Gefühl ist, das von allen Menschen und sogar auch Tieren gespürt wird und eine wichtige Funktion hat – nämlich auf ein unerfülltes Bedürfnis hinzuweisen. Im Laufe des Lebens eignen wir uns eine gewisse Strategie an und lernen Reaktionen kennen, die uns gut tun oder aber noch mehr in Rage bringen. Sehen wir uns diese genauer an, bekommen wir ein Gespür dafür, was wir in einer Wutsituation brauchen.  Wir möchten zunächst einmal wahrgenommen werden, ganz gleich wie banal der Grund für Außenstehende sein mag. Wir möchten angehört werden und über die Wut sprechen, sie rauslassen dürfen. Und wir brauchen Vorbilder, deren angemessene Reaktion wir nachahmen können.

Nun möchte ich Sie herzlich einladen, die oben genannten Fragen zu beantworten. Und vielleicht kommen auch Sie zu dem Ergebnis, wie gut es tun kann, eine nahestehende Person zu haben, die man wutentbrannt, ganz ohne Gefahr anrufen kann und die Ihnen vermittelt:

  • Ich höre dir zu!
  • Ich sehe dich und deine Wut!
  • Ich glaube dir, dass dich das wütend gemacht hat, ohne den Grund zu bewerten!
  • Lass uns gemeinsam überlegen, was du tun kannst, um das Problem zu lösen.

Genau das braucht ein wütendes Kind auch! Und das dürfen wir Erwachsenen trotz des Alltagsstress nicht aus den Augen verlieren.

 

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von

Dr. med. Gerald Hofner

Dr. Gerald Hofner war kinderkardiologischer Oberarzt der Universitätskinderklinik Erlangen-Nürnberg, bevor er 2003 in eine neue Praxis in Neudrossenfeld und Bayreuth wechselte. Sein Fokus liegt auch dort auf der Schwerpunktversorgung für Kinderkardiologie, Kinderpneumologie, Jugendsportmedizin und Ernährungsmedizin, besonders unter dem Aspekt der Prävention. Ihm ist dabei wichtig, die Erkenntnisse der Wissenschaft praktisch und verständlich zu den Patienten und ihren Familien zu bringen. Als Vater von zwei Töchtern weiß er um die Probleme von Familie. Seit 2019 ist er außerdem verantwortlich für die beiden neuen Medizinprodukte FrioQuick® Kühlpflaster und RhinoQuick® Schnupfenpflaster in Deutschland - sanfte und effektive Therapie. Dr. Gerald Hofner hat einen Lehrauftrag der Universität Bayreuth angenommen.

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