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Schulmedizin oder natürlich heilen?

Ein bewusst provokanter Titel. Denn in meiner langjährigen Sicht auf die Kindermedizin kristallisiert sich immer mehr heraus, dass dies in vielen Fällen kein Widerspruch ist. Weil Medizin, Gesundheit und Wohlbefinden  eben ganzheitlich zu betrachten ist.

Das, was wir im Allgemeinen als Schulmedizin bezeichnen, hat seine Grundlage im wissenschaftlichen Beleg für bestimmte therapeutische Maßnahmen. Die sind oft zugegebenermaßen aber auch nicht eindeutig – oder für den Einzelfall zutreffend. Dennoch wird kein Mensch mit Rest-IQ auf das Pendeln als Hauptmethode bei der Behandlung eines angeborenen Herzfehlers setzen.

Umgekehrt bedeutet „natürlich heilen“ nicht, dass es automatisch wirkungslos ist. Viele heutige schulmedizinische Medikamente entstammen ja auch ursprünglich der Natur. Denken Sie nur an Penicillin. Und auch andere ganzheitliche Methoden (etwa die Gesprächstherapie, die Wirkung des Körperkontakts oder physikalische Heilmethoden) sind unbestritten wirksam. Ein Grund, warum auch ich mich für mehr Vertrauen in den Einsatz natürlicher Methoden stark mache, z.B. mit physikalischer Fiebersenkung statt Ibuprofen oder Paracetamol.

Dennoch gibt es Grenzen. Die sind für mich dann erreicht, wenn eine dringend notwendige Therapie durch wirkungslose „natürliche Heilung“ verpasst wird. Nicht ganz selten erlebe ich in meiner kinderpneumologischen Spezialsprechstunde zum Beispiel, dass aus lauter Angst vor der „Schulmedizin“ auf das Asthmaspray verzichtet wird und stattdessen (wirkungslose) Homöopathika gegeben werden. Mit der Folge, dass das Kind dann plötzlich kippt und notfallmäßig mit schwerster Atemnot in der Klinik oder bei uns landet.

Umgekehrt erleben wir aber auch die Nebenwirkungen von unnötigem Antibiotikum. Ein kleiner Virusinfekt braucht oft nichts als einfache „natürliche“ Maßnahmen und kann auch ohne Medikamente ausheilen. Und Lebensstilveränderung ist besser als jedes Blutdruckmittel – schon alleine, weil es noch ganz andere Ebene des Wohlbefindens erreicht.

Weniger Abgrenzung und mehr Menschenverstand täte oft gut – bei Eltern und Therapeuten. Dann könnte Medizin in jeder ganzheitlich und dennoch sicherer und zuverlässiger werden – jenseits von Esoterik und Pharmamarketing.

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von

Dr. med. Gerald Hofner

Dr. Gerald Hofner war wissenschaftlicher Mitarbeiter und Oberarzt der Universitätskinderklinik Erlangen-Nürnberg, bevor er seit 2003 in der von ihm gegründeten Praxis für Kinder und Jugendliche in Neudrossenfeld und Bayreuth tätig wurde. Sein Fokus liegt auf der Schwerpunktversorgung für Kinderkardiologie, Kinderpneumologie und Jugendsportmedizin, sowie auf der Prävention. Ihm ist dabei wichtig, die Erkenntnisse der Wissenschaft verständlich zu den Patienten und ihren Familien zu bringen. Als Vater von zwei Töchtern weiß er um die Probleme von Familie. Seit Ende 2018 ist er außerdem verantwortlich für die Markteinführung der beiden neuen Medizinprodukte FrioQuick® Kühlpflaster und RhinoQuick® Schnupfenpflaster (www.gingerpharm.de).

2 Kommentare

  1. Ärzte in Klinik und Praxis beklagen mit Recht die Überfrachtung
    der Medizin durch Sprechweisen, Denkarten, Konzepte und Handlungsprogramme der Ökonomik. So ist der Arzt nur Dienstleister,
    wie ein Handwerker und der Patient ein Kunde, wie im Supermarkt, statt Vertrauen gibt es Behandlungsverträge und darüber
    hinaus regelt der Markt die Verhältnisse automatisch.

  2. Dr. Stefan Schwarz

    Die Medizin ist individuell. Auch die Lebensumstände und – entwürfe sind bei unserer Arbeit zu berücksichtigen. Dennoch muss der Arzt authentisch und klar sein. Dass es eine Vielzahl von Anforderungen bzw. Erwartungen gibt, die an den Arzt herangetragen werden, ist absolut richtig. Das Gesundheitssystem und etliche politische Forderungen sind an dieser Stelle aus unserer Sicht in so mancher Hinsicht sehr kritisch zu sehen. Die Arbeit wird damit oft zur echten Herausforderung. Es gibt darum auch Erwartungen und Anfragen, denen wir nicht entsprechen können oder dürfen. Medizin als Konsumgut wie im Supermarkt wird auf längere Sicht nicht funktionieren.
    Dennoch versuchen wir immer, den Großen und kleinen Patienten und ihren Eltern eine bestmögliche Betreuung zu bieten. Die Rückmeldungen, die wir von unseren Patienten bekommen, lassen den Schluss zu, dass das sehr geschätzt wird.

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