Kindererziehung
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Wollt ihr den Kids nützen, lasst sie mal machen!

Martin, 7 Jahre, kommt zur Vorsorge U 10. Er ist in der 2. Klasse. Beim Anamnesegespräch, bei der körperlichen Untersuchung und auch bei den Aufgaben, die seine Entwicklung abchecken, greift seine Mutter häufig ungefragt ein, stellt sich neben die Untersuchungsliege, steht bei der Untersuchung sogar im Weg und nimmt Martin einen Teil der Aufgaben ab, obwohl der Untersucher wiederholt darum bittet, Martin selber antworten zu lassen.

„Pass auf! Mach dies so, mach das anders! Nein, es ist kalt, zieh die Jacke noch an! Das kannst Du doch, es geht so…“ Es gibt Eltern, die ihr Kind – aus welchen Gründen auch immer – sehr stark überwachen, es auf Schritt und Tritt kontrollieren, das Kind wenig eigenständig machen lassen und bereits bei kleinsten Anlässen sofort eingreifen, ständig präsent sind und das Kind wenig in die Eigenständigkeit entlassen oder potentielle Gefahren bereits vorwegnehmen, bevor das Kind sie überhaupt wahrnehmen kann. Umgangssprachlich werden solche Eltern als „Helikoptereltern“ bezeichnet. Wie Nicole Perry von der Universität Minnesota in einer Studie nun gezeigt hat, schaden die Helikoptereltern ihren Kindern eher, als dass sie Positives bewirken. Die Entwicklung wird gehemmt. Die Kinder von Helikoptereltern sind tendenziell selbstunsicherer, haben weniger Frustrationstoleranz und trauen sich weniger zu, werden frustriert und apathisch oder umgekehrt aufsässig und trotzig. Sie können ihre Emotionen und Impulse schlechter kontrollieren. Wie auch, die Kinder können ja gar keine eigenen Bewältigungsstrategien entwickeln, da die Eltern dauernd eingreifen. Lernen Kinder aber andererseits, mit ihren Emotionen umzugehen, wirkt sich das auf zahlreiche andere Entwicklungsschritte positiv aus: bessere psychische und physische Gesundheit, weniger Verhaltensauffälligkeiten, stabilere soziale Beziehungen oder bessere Fähigkeit, sich in der Schule einzubringen. Zusammengefasst: Locker bleiben! Wollt ihr den Kids nützen, lasst sie mal machen.

Martins Mutter will am Ende der Untersuchung wissen, was sie tun könne bezüglich des Verhaltens des Jungen. Er traue sich wenig zu, sei selbstunsicher und gehe nicht aus sich heraus. Ob sie die folgenden Erläuterungen annehmen kann, bleibt unklar. Martin ist zu wünschen, dass er die Freiheit bekommen wird, auch einmal selbst Dinge und sich selbst auszuprobieren, dabei Erfolgserlebnisse zu haben – und gegebenenfalls auch einmal auf die Nase zu fallen.

Kategorie: Kindererziehung

von

Dr. Stefan Schwarz

Dr. Stefan Schwarz ging in Augsburg zur Schule. Er machte nach dem Zivildienst eine Ausbildung zum Kinderkrankenpfleger. Das Studium schloss er in München ab. Nach der Ausbildung in verschiedenen, renommierten Kinderkliniken arbeitet er als niedergelassener Kinderarzt. Dr. Schwarz ist Vater von 4 aufgeweckten Kindern und kennt den Alltag, die Freuden und die Sorgen von Familien dadurch sehr gut.

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