Dossier, Kindererziehung
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Leistungsdruck im Kindesalter

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Der letzte Tatort aus Österreich – „Schock“ – hat in drastischer und erschreckender Weise gezeigt, welchem Leistungsdruck Studenten heutzutage teilweise ausgesetzt sind. Doch ist dies ein Problem, das schon viel früher einsetzt, wie ein Zitat aus dem Film deutlich macht: Das Letzte, was Kinder durch Versuch und Scheitern lernen dürfen, ist das Laufen, da es niedlich ist, zu beobachten, wie sie hinfallen um sich gleich wieder aufzurappeln und es nochmals zu versuchen. Danach sind Fehler und Misslingen unerwünscht.
Ob die Kinder in der Vorschule mehrfach darauf aufmerksam gemacht werden, dass demnächst eine Prüfung über die Zahlen stattfindet, oder nur dann ein heißbegehrtes Lachgesicht erhalten, wenn absolut alles auf dem Übungblatt richtig ist – Leistungsdruck wird schon bei den Kleinsten aufgebaut.
In der Grundschule setzt sich der Trend dann fort, obwohl ja eigentlich die ersten eineinhalb Jahre relativ frei von Druck verbracht werden könnten, da hier noch keine Benotung vorgenommen werden muss. Dafür gibt es z.B. bei dem allseits gerühmten Leseprogramm Antolin für falsch beantwortete Fragen Strafpunkte, d.h. Punktabzug. Wie motivierend mag es für Leseanfänger sein, wenn sie eine Frage von 15 falsch beantworten und dann leider nur noch 39 von 45 Punkten erhalten? Auch das ab der ersten Klasse eingesetzte Rechenprogramm „Blitzrechnen“ löst bei vielen Kindern Stress aus, da sie eine vorgegebene Anzahl von Aufgaben in einem bestimmten Zeitrahmen bearbeiten müssen – und dabei die ablaufende Zeit in der unteren Bildschirmhälfte als Balken immer deutlich vor Augen haben. Selbst als Zuschauer kann man den dadurch ausgelösten Zeitdruck spüren! Ob auf diese Weise nachhaltiges Lernen möglich ist, erscheint doch mehr als fraglich, insbesondere wenn man berücksichtigt, dass eigentlich nur solche Inhalte langfristig gespeichert werden und kreativ genutzt werden können, die in einer positiven Stimmungslage abgespeichert werden.
Man könnte noch unzählige andere Beispiele anführen, die deutlich machen, wie bereits kleine Kinder einem Leistungsdruck ausgesetzt werden, der sich auf viele schädlich auswirkt, wie sich an der steigenden Zahl von Kindern mit Schulangst zeigt. Hier bleibt zu wünschen, dass sowohl Lehrer und Eltern als auch die Gesellschaft mehr Augenmaß entwickeln. Es muss nicht alles in messbare Leistung umgesetzt werden. Kreativität und Spaß am Lernen sind ein entscheidender Faktor, Lerninhalte nicht nur zu reproduzieren, sondern Neues zu entdecken und eigene Problemlösungsstrategien zu entwickeln. Dies funktioniert aber nur mit Versuch und Irrtum, der immer eine Chance für Fortschritt darstellt.

Kategorie: Dossier, Kindererziehung

von

Dr. Stefan Schwarz

Dr. Stefan Schwarz ging in Augsburg zur Schule. Er machte nach dem Zivildienst eine Ausbildung zum Kinderkrankenpfleger. Das Studium schloss er in München ab. Nach der Ausbildung in verschiedenen, renommierten Kinderkliniken arbeitet er als niedergelassener Kinderarzt. Dr. Schwarz ist Vater von 4 aufgeweckten Kindern und kennt den Alltag, die Freuden und die Sorgen von Familien dadurch sehr gut.

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