ADS, Leben, Medizin
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ADHS und Einschulungsalter

Einer AOK-Studie zufolge wird ADHS häufiger diagnostizert bei Kindern, die früh eingeschult werden, seltener aber bei denen, die später in die Schule kommen. Diesen Ergebnissen zufolge hat das Kind, das früher eingeschult wird, damit auch eine höhere Wahrscheinlichkeit, eine Behandlung bis hin zur Verschreibung von Medikamenten zu erfahren.

Je nach Bundesland und der entsprechenden Stichtagsregelung werden Kinder auch mit fünfeinhalb Jahren eingeschult. Damit ist aber vor dem Hintergrund der obigen Ergebnisse vor vorschnellen Diagnosen zu warnen! Bei Kindern im Alter von 5-6 Jahren ist in einem halben oder einem Jahr ein großes Ausmaß an Entwicklung zu erwarten. Der Spieltrieb und das Bewegungsbedürfnis sind hoch. Wenn das Kind in diesem Alter also im Unterricht aufsteht, herumläuft oder auf den Lehrer und seine Ermahnungen nicht entsprechend reagiert, liegt nicht unbedingt ADHS vor, sondern vielleicht ein altersentsprechender Spieltrieb.

Die Kinderärzte meinen: Die Stichtagsregelung und die offiziellen Einschulungskriterien sind Fakt. Aber die Ergebnisse der oben dargestellten Studie lassen zumindest den Schluss zu, dass es für die meisten Kinder nicht gut ist, eine besonders frühe Einschulung zu erzwingen. Falls es notwendig erscheint, gibt es nach dem Bayerischen Unterrichtsgesetz Art. 37, Abs. 2 auch die Möglichkeit, ein Kind zurückzustellen, wenn aufgrund der körperlichen oder geistigen Entwicklung zu erwarten ist, dass es nicht mit Erfolg am Unterricht teilnehmen kann.

DrS

Kategorie: ADS, Leben, Medizin

von

Dr. Stefan Schwarz

Dr. Stefan Schwarz ging in Augsburg zur Schule. Er machte nach dem Zivildienst eine Ausbildung zum Kinderkrankenpfleger. Das Studium schloss er in München ab. Nach der Ausbildung in verschiedenen, renommierten Kinderkliniken arbeitet er als niedergelassener Kinderarzt. Dr. Schwarz ist Vater von 4 aufgeweckten Kindern und kennt den Alltag, die Freuden und die Sorgen von Familien dadurch sehr gut.

3 Kommentare

  1. Sehr richtig. Ein Kinderarzt überblickt ja gerade die frühkindliche Entwicklung meist über einen längeren Zeitraum. ADHS zeigt sich eben mit Entwicklungsverzögerungen bzw. weiteren Problematiken und nicht allein mit Unruhe oder nur Zappeln. Allerdings ist es natürlich Unsinn, dass das Einschulungsalter an ADHS „schuld“ wäre. Vielmehr fallen „zu früh“ eingeschulte ADHSler eben besonders früh und deutlich auf, weil sie einfach neurobiologisch die Voraussetzungen noch gar nicht haben. Gerade Mädchen mit ADS fallen dann leider erst weit später auf, was die Sache aber eben auch nicht leichter macht

    • Danke für Ihre Anmerkungen.
      Junges Einschulungsalter löst die Krankheit ADS nicht aus, da haben Sie recht.
      Der Punkt ist aber, daß bei früh eingeschulten Kindern ADS häufiger diagnostiziert wurde nach den zitierten Daten. ADS sollte bzgl. der Häufigkeit des Auftretens in dieser Untergruppe aber nicht höher liegen als in der restlichen Bevölkerung. Sprich: es sind Diagnosen gestellt worden bei Kindern, die gar nicht ADS haben, aber aufgrund ihres jungen Alters noch einen hohen Bewegungsdrang und noch eine nicht so lange Aufmerksamkeitsspanne aufweisen. Den einen allgemeingültigen ADS-Test gibt es ja nicht und so werden, und das erleben wir auch im Praxisalltag, Kinder als ADSler angesprochen, die gar kein ADS haben.
      Würden die sehr jungen Kinder also einfach noch ein Jahr im Kindergarten bekommen, würden einige dann in der Schule besser zurecht kommen (weil älter und damit längere Konzentrationsfähigkeit, etc.) und evtl. nicht die Diagnose ADS und entsprechende Therapien bekommen.
      DrS

  2. Pingback: Der “Struwwelpeter”, ein kinderärztliches Lehrbuch – hätten Sie das gewusst? | die Kinderärzte

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