Kindererziehung
Schreibe einen Kommentar

Die Grenze zwischen Erziehung und Manipulation – ein schmaler Grat

Vom Moment der Geburt an (genaugenommen sogar schon vorher) nehmen wir als Eltern Einfluss auf unsere Kinder. Doch während es zunächst um ganz elementare Dinge wie Geborgenheit, Zuverlässigkeit und Vertrauen geht, wird mit zunehmendem Alter des Kindes aus dem Einfluss eine Beeinflussung. Wir entscheiden, welche Werte wir vermitteln wollen, und versuchen, diese so zu vermitteln, dass sie beim Kind auch ankommen. Genau hier liegt aber die Gefahr, nicht nur erzieherisch, sondern manipulativ auf die Kinder einzuwirken.
Um dies an einem Beispiel zu erläutern, sei folgende Situation geschildert: Ein Junge bekommt einen Bonbon angeboten und freut sich zunächst offensichtlich darüber. Dann jedoch ändert sich die Miene des Kindes, es schaut seine Mutter an und fragt verunsichert, ob es den Bonbon essen dürfe. Die Antwort der Mutter fällt eindeutig aus: „Nein, das ist nicht vegan. Dafür musste ein Tier sterben. So etwas essen wir nicht.“ Ganz abgesehen davon, dass eine vegane Ernährung für Heranwachsende nicht unproblematisch ist, manipuliert die Mutter durch die negative Art und Weise, wie sie über den Bonbon spricht, ihr Kind. Es bekommt den Eindruck, dass es etwas grundlegend Falsches tun würde, wenn es den Bonbon essen würde, und es lässt es aus diesem Grund bleiben.
Natürlich soll man das Thema Ernährung bei der Erziehung der Kinder immer wieder besprechen. Hier wäre es jedoch wünschenswert, dem Kind sachlich, neutral und kindgerecht zu erläutern, wie verschiedene Lebensmittel produziert werden, sodass es dann selbst entscheiden kann, ob es diese essen möchte oder nicht. Dabei ist es einerseits wichtig, klar zu machen, dass eine solche Entscheidung nicht in Stein gemeißelt ist, sondern immer wieder neu überdacht werden kann. Andererseits muss man dem Kind unbedingt vermitteln, dass man seine Entscheidung toleriert und deswegen nicht enttäuscht ist.
Die erzieherische Auseinandersetzung mit dem Kind hat einen ganz entscheidenden Vorteil gegenüber der manipulativen: Das Kind fühlt sich und seine Wünsche ernst genommen. Je älter die Kinder werden, desto mehr durchschauen sie die Manipulationsversuche der Eltern und finden Mittel und Wege diese zu umgehen. In dem oben angeführten Beispiel könnte dies dazu führen, dass der Junge sich bei Freunden – immer mit einem schlechten Gewissen – mit Süßigkeiten vollstopft oder diese sogar klaut, weil er die Entscheidung seiner Eltern nicht mittragen will.
Ob es die Ernährung, die Wahl der Freunde oder der Umgang mit Smartphone & Co ist: Entscheidend für eine gelingende Erziehung ist ein Miteinander auf Augenhöhe, in dem sich jeder einbringen kann und in dem für alle tragbare Lösungen gefunden werden. Damit vermittelt man drei wichtige Werte: Toleranz, Respekt und Kompromissbereitschaft!

Wir danken unserer Gastautorin B. Ehlenberger für diesen tollen Beitrag.

Kategorie: Kindererziehung

von

Dr. Stefan Schwarz

Dr. Stefan Schwarz ging in Augsburg zur Schule. Er machte nach dem Zivildienst eine Ausbildung zum Kinderkrankenpfleger. Das Studium schloss er in München ab. Nach der Ausbildung in verschiedenen, renommierten Kinderkliniken arbeitet er als niedergelassener Kinderarzt. Dr. Schwarz ist Vater von 4 aufgeweckten Kindern und kennt den Alltag, die Freuden und die Sorgen von Familien dadurch sehr gut.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.