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Von Magnet-Mamas und sterbenden Schwänen

Ein Phänomen begegnet mir in der Praxis immer wieder – das Zusammentreffen von sterbenden Schwänen und Magnetmamas. Und man kann Einiges daraus ablesen zur Frage: wieviel Schutz braucht ein Kind, und wieviel Selbständigkeit.

Das Schauspiel. 

Die Rollen:

  • Hauptdarsteller 1 hat ein Kind in einem Alter, in dem es eigentlich schon viele viele Dinge mutig und allein durchführen kann, und diese Dinge auch alleine schafft, zum Beispiel im Kindergarten. Zur großen Freude aller.
  • Hauptdarstellerin 2 ist z.B. eine Mama (zur Genderneutralität siehe unten), die eine sehr gute Mama ist und ihr Kind liebt (wie alle Mamas) und die ihr Kind nie im Stich lassen würde (wie alle Mamas).
  • Nebendarsteller ist in meinem Fall der Arzt. Er spielt eigentlich keine echte Rolle. Er ist lediglich der Aufhänger, an dem sich das Schauspiel entzündet.

Die Handlung:

Hauptdarsteller 1, der im Kindergarten und beim Spiel in der Gruppe ansonsten immer mutig und forsch auftritt, klammert sich in dem Augenblick, in dem es vom Nebendarsteller um eine völlig harmlose Handlung gebeten wird (sagen wir mal, zum Beispiel um eine kurze Ultraschalluntersuchung), an Hauptdarstellerin 2, die eine liebende Mama ist (wie alle Mamas). Dabei gibt Hauptdarsteller 1 deutlich zu verstehen, dass es in seinem Leben noch nie etwas Schlimmeres gegeben hat, als diese Untersuchung. Dennoch kann Hauptdarstellerin 2 Hauptdarsteller 1 davon überzeugen, die Untersuchung zu ertragen. Zumindest anfangs. Letzterer legt sich tapfer hin. Hauptdarstellerin 2, die eine liebende Mama ist (wie alle Mamas), setzt sich auf einen ca. 80cm entfernt stehenden Stuhl.

Zunächst verläuft alles reibungslos. Dann wird der Nebendarsteller Zeuge des fast übersinnlichen Geschehens, das er fortan Mamamagnetismus nennen wird. Hauptdarsteller 1, erinnert Hauptdarstellerin 2, kurz durch ein zartes Jammern daran, dass diese Untersuchung das Allerschlimmste im Leben ist, was er sich nur vorstellen könnte. Hauptdarstellerin 2, die eine liebende Mama ist (wie alle Mamas), bewegt sich von der vergleichsweise weiten Entfernung auf Hauptdarsteller 1 zu. Und genau das löst den Magnetismus aus. Hauptdarsteller 1, der im Kindergarten und beim Spiel in der Gruppe ansonsten immer mutig und forsch auftritt, zieht es magnetisch von der Liege weg und in die Arme von Hauptdarstellerin 2. Kaum bewegt sich Hauptdarstellerin 2, die eine liebende Mama ist (wie alle Mamas), wieder zurück auf ihren Stuhl, lässt der Magnetismus nach und Hauptdarsteller 1, liegt wieder ruhig und entspannt auf der Liege.

Dieser Magnetismus wiederholt sich noch mehrfach, bis die Ultraschalluntersuchung zu Ende ist.

Die Analyse.

Sie haben es wahrscheinlich verstanden. Diese alltägliche Szene zeigt sehr gut die gegenseitige Abhängigkeit der Rollen von uns Eltern und Kind.

Ein Kind lernt Selbstvertrauen nur, wenn es alleine mutig sein darf. Was ein Kind ja oft genug auch gut hinbekommt.

Bei Anwesenheit eines magnetischen Elternteils droht aber der Teufelkreis. Das magnetische Elternteil beschützt das Kind nicht nur, es gibt dem Kind vor allem das Gefühl, es müsse dringend beschützt werden. Also folgt das Kind und will beschützt werden – indem es den sterbenden Schwan spielt – ein eingeübter Mechanismus. Was widerum dem Elternteil die Bestätigung gibt, dass es völlig richtig sei, das Kind beschützen zu wollen, denn es wäre ja gerade völlig verängstigt oder gar bedroht (was es nicht ist, denn etwa im Kindergarten oder mit Freunden ist es durchaus mutig).

Im geschilderten Fall wirkte das Magnetfeld lässt sich das Magnetfeld der Mutter genau bemesse, nämlich auf 80cm. Andere Magnetfelder können bis zur Kindergartentür reichen, bis zum Auto. Langfristige dürften kleinere Magnetfelder kein Problemdarstellen. Außer, die Eltern wollen es bewusst aufrechterhalten. Dann führt es nämlich geradewegs zum Helikoptern.

Das Problem.

Es ist natürlich zunächst einmal das Normale, sein Kind „beschützen“ zu wollen. Das entspricht dem natürlichen Mutter- und Vaterinstinkt in uns. Die Schwierigkeit ist sicher, die richtige Balance zu finden zwischen Anleitung und Schutz auf der einen Seite und Überbesorgtheit und Overprotection des Kindes auf der anderen Seite. Nicht immer ist es so deutlich zu sehen wie im obigen „Schauspiel“.

P.S. Magnetpapas gibt es natürlich auch.

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von

Dr. med. Gerald Hofner

Dr. Gerald Hofner war wissenschaftlicher Mitarbeiter und Oberarzt der Universitätskinderklinik Erlangen-Nürnberg, bevor er seit 2003 in der von ihm gegründeten Praxis für Kinder und Jugendliche in Neudrossenfeld und Bayreuth tätig wurde. Sein Fokus liegt auf der Schwerpunktversorgung für Kinderkardiologie, Kinderpneumologie, Jugendsportmedizin und Ernährungsmedizin, sowie auf der Prävention. Ihm ist dabei wichtig, die Erkenntnisse der Wissenschaft verständlich zu den Patienten und ihren Familien zu bringen. Als Vater von zwei Töchtern weiß er um die Probleme von Familie. Seit Ende 2018 ist er außerdem verantwortlich für die Markteinführung der beiden neuen Medizinprodukte FrioQuick® Kühlpflaster und RhinoQuick® Schnupfenpflaster.

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