Entwicklung, Kindererziehung
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Das Projektkind

In unserer Praxis erlebt man gelegentlich (mit ansteigender Häufigkeit) das Projektkind. Eingeplant zum idealen Zeitpunkt zwischen Karriere und Hausbau, perfekt organisierte, an klaren Kriterien orientierte Aufzucht, genaues Abwägen für jeden Entscheidungsschritt (von der Impfung bis zur Tagesstättenauswahl) und nicht zuletzt natürlich hohe Erwartungen an das „Ergebnis“. Ein Projekt eben. Ganz ähnlich eben einem beruflichem Projekt. Das erste Kind immer noch häufiger als jedes weitere.

Das Ergebnis ist auch häufig klar formuliert – das Abitur steht da sicher weit oben in der Liste der Projektziele oder -teilziele. Aber auch Klavierunterricht, Ballett, Torschützenkönig können diese Ziele sein.

Nicht, dass Ziele schlecht wären. Im Gegenteil. Ziele sind gut und nötig. Die entscheidende Frage ist aber: Was bleibt ohne die Ziele übrig? Oder besser: Wie stark fühlt ein Kind, dass es hauptsächlich dem Projekteifer der Eltern dient?

Warum ich dieses Projektdenken kritisch sehe? Es handelt sich um einen Menschen, eine Persönlichkeit, mit Genen, die nur zu 50% mit den Elternteilen übereinstimmen. Ein Wesen, das unvoreingenommen akzeptiert werden will.

Das Kind als Projekt bekommt aber eine Funktion. Es ist in einen Projektplan eingebunden, der selten adäquat auf die individuelle Persönlichkeit des Kindes abgestimmt ist. Das Nichterreichen bestimmter Projektschritte wird seitens des Kindes als Liebesentzug wahrgenommen. Bei Nichterreichen von Projektzielen wie einem bestimmten Schulabschluss wird nachgeholfen – Ritalin, Ergotherapie, Lerntherapie, Strafen. Da, wo doch liebende Unterstützung angesagt wäre. Kurz: Das Kind muss die Erwartungen erfüllen. Stress bereits in frühen Jahren.

Aber auch die Eltern stressen sich dadurch. Niemand ist gerne Helikoptermutter oder -vater. Das ergibt sich aus dem Druck, den sich Eltern selbst machen.

Alles das mag im besten Fall einen formal erfolgreichen Menschen produzieren, aber sicher keine stabile Persönlichkeit, die selbst lieben und genießen kann. Und  – letztlich waren die meisten erfolgreichen Persönlichkeiten alles andere als Projektkinder, sondern konnten für ihren Erfolg auf die innere Sicherheit aufbauen – nämlich auf das Wissen, geliebt zu sein.

Alle Eltern sollten sich gelegentlich mal ehrlich an diesen Kriterien prüfen, ob sie das Kind zum Projekt abwerten – denn die wenigsten fühlen das. Denn letztlich meint es ja sogar das Projektelternteil gut mit sich, der Familie und dem Kind:

  • Ist mir mein Kind weniger wert, wenn es diese oder jene Leistung nicht erbringt?
  • Ist mein Kind frei in der Auswahl bestimmter Hobbies, bei Kleidungsstil oder Schulform? Oder störe ich mich an bestimmten Wegen?
  • Darf das Kind anders sein als ich selbst?

Wenn man dem Projektdenken dann doch noch etwas Positives abgewinnen will, dann vielleicht eine strukturierte Erziehung. Also klare Regeln (nicht zu viele natürlich), die sich an logischen Lebensregeln orientieren (sobald ein Kind diese verstehen kann).

Dennoch: Die beste Erziehung ist und bleibt ein gutes Vorbild und uneingeschränkte Liebe – die jegliche Projektziele verblassen lässt.

 

Kategorie: Entwicklung, Kindererziehung

von

Dr. med. Gerald Hofner

Dr. Gerald Hofner war wissenschaftlicher Mitarbeiter und Oberarzt der Universitätskinderklinik Erlangen-Nürnberg, bevor er seit 2003 in der von ihm gegründeten Praxis für Kinder und Jugendliche in Neudrossenfeld und Bayreuth tätig wurde. Sein Fokus liegt auf der Schwerpunktversorgung für Kinderkardiologie, Kinderpneumologie und Jugendsportmedizin, sowie auf der Prävention. Ihm ist dabei wichtig, die Erkenntnisse der Wissenschaft verständlich zu den Patienten und ihren Familien zu bringen. Als Vater von zwei Töchtern weiß er um die Probleme von Familie. Seit Ende 2018 ist er außerdem verantwortlich für die Markteinführung der beiden neuen Medizinprodukte FrioQuick® Kühlpflaster und RhinoQuick® Schnupfenpflaster (www.gingerpharm.de).

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