Alle Artikel mit dem Schlagwort: Überforderung

Das Projektkind

In unserer Praxis erlebt man gelegentlich (mit ansteigender Häufigkeit) das Projektkind. Eingeplant zum idealen Zeitpunkt zwischen Karriere und Hausbau, perfekt organisierte, an klaren Kriterien orientierte Aufzucht, genaues Abwägen für jeden Entscheidungsschritt (von der Impfung bis zur Tagesstättenauswahl) und nicht zuletzt natürlich hohe Erwartungen an das „Ergebnis“. Ein Projekt eben. Ganz ähnlich eben einem beruflichem Projekt. Das erste Kind immer noch häufiger als jedes weitere. Das Ergebnis ist auch häufig klar formuliert – das Abitur steht da sicher weit oben in der Liste der Projektziele oder -teilziele. Aber auch Klavierunterricht, Ballett, Torschützenkönig können diese Ziele sein. Nicht, dass Ziele schlecht wären. Im Gegenteil. Ziele sind gut und nötig. Die entscheidende Frage ist aber: Was bleibt ohne die Ziele übrig? Oder besser: Wie stark fühlt ein Kind, dass es hauptsächlich dem Projekteifer der Eltern dient? Warum ich dieses Projektdenken kritisch sehe? Es handelt sich um einen Menschen, eine Persönlichkeit, mit Genen, die nur zu 50% mit den Elternteilen übereinstimmen. Ein Wesen, das unvoreingenommen akzeptiert werden will. Das Kind als Projekt bekommt aber eine Funktion. Es ist in …

Völlig überfordert!

Linus war völlig überfordert durch das, was er da erlebte: Er war damals 5 Jahre und lag seit 3 Tagen krank im Bett. Linus Mama war zu Hause geblieben und hatte das Kind gepflegt. Linus ging es schon besser und er spielte mit Mama Obstgarten. Am Nachmittag kam Linus´ Vater mit 4 (!!) dicken Plastiktüten. Er stellte sie auf den Tisch und präsentierte stolz den Inhalt. Es waren 4 Tüten voll mit den verschiedensten Süssigkeiten, denn Linus sollte sich schließlich heraussuchen können, was er wollte und da durfte nichts fehlen, was er hätte wollen können! Linus suchte sich nichts heraus; im Gegenteil begann er zu schreien und zu quengeln, es würde die Lieblingssüssigkeit fehlen! Dies ist kein völlig überzeichneter Textbeginn, sondern eine wahre Begebenheit! Meinen Hinweis in der damaligen Situation, dass ein Kind durch so ein Vorgehen völlig überfordert sei, etwas auszuwählen, dass es Geschenke bald gar nicht mehr wertschätzen oder sich noch darüber freuen könne, konnte der Vater nicht wirklich nachvollziehen. Die Anmerkung, dass Materielles auch wesentlich weniger wichtig ist, als dem Kind Zeit …

Die Schulaufgabe

Kinder müssen in der Schule zum Teil Enormes leisten, zum Teil wird unserer Meinung nach auch zu viel von Ihnen verlangt. Und das wirkt sich negativ auf die Entwicklung der Kinder aus. Ein aktuelles Beispiel, das mich den Kopf schütteln ließ: Hannes ist in der 4. Klasse. Er ist ein wirklich guter Schüler. Hannes kommt zu uns in die Praxis wegen starker, immer wiederkehrender Bauchschmerzen. Es wird nach der Untersuchung rasch klar, dass wir eher im psychosomatischen Bereich die Ursachen suchen müssen. Letztlich kommt die Schulanforderung ins Spiel. Wir vereinbaren, dem genauer nachzugehen. Hannes zeigt mir beim zweiten Besuch in der Praxis die Liste der Anforderungen der letzten HSU Probe über das Thema Europa und Deutschland, die er schreiben muss. Auf einer halben DIN A 4 Seite steht in sehr vielen Stichpunkten mit kleiner Schrift, was die Schüler in der Probe wissen müssen. Ich bin völlig konsterniert ob des Umfangs und der Detailliertheit des Stoffes! Alle Länder des Euroraumes müssen gewusst werden mit Hauptstädten, Sehenswürdigkeiten, Währungen, Länderkennzeichen – aber auch die Geschichte der EU oder …

Burnout – kein Erwachsenen-Phänomen

Mag man Burnout gemeinhin als eine psychische Erkrankung, die bei gestressten Erwachsenen auftreten kann, sehen, so ist leider festzustellen, dass „Burnout bei unseren Kindern angekommen ist.“ (Prof.Dr. M. Schulte-Markwort) Zu diesem Thema wurde kürzlich die repräsentative Studie „Burn-Out im Kinderzimmer. Wie gestresst sind Kinder und Jugendliche in Deutschland?“ der Universität Bielefeld vorgestellt. Die Besonderheit der Studie besteht darin, dass sie den Stress aus der Sicht der Betroffenen, also der Kinder, erfasst. Dabei wurden erschreckende Ergebnisse gewonnen. So leiden fast 20% der befragten Kinder und Jugendlichen unter hohem Stress, wobei aber 87,3% der Eltern der betroffenen Kinder nicht glauben, dass sie diese überfordern. Ca. 50% der Eltern befürchten sogar, ihre Kinder nicht genug zu fördern. Aus dieser Diskrepanz entstehen für die Kinder große Probleme. Als einen wichtigen Stressfaktor macht die Studie nämlich die Anzahl der Termine, die die Kinder neben der Schule zu absolvieren haben und die ihnen oftmals (86%) keinen Spaß machen, aus. Ergänzend kommt hinzu, dass Kinder häufig durch Aufgaben im Haushalt, die nicht altersgemäß sind (z.B. Organisation des Haushalts), belastet werden. Den Kindern …